

PROJEKTGRUPPEN 2023 MIT MIRKO DROTSCHMANN • NEUE PROJEKTGRUPPE 2024
PROJEKTGRUPPEN GESAMT
Florian Adler, Kirsten Affana Biogolo, Kendra Atouga Biogolo, Leana Boselawa Kango, Lena Bott, Nina Breunig, Sabine Bücheler, Lina Burkhardt, Nina Dieterle, Sina von Drachenfels, Emma Eisemann, Maryam El Idrissi El Bechkaoui, Naemi Fust, Devin Geiselhardt, Luisa Gengenbach, Anna Günther, Lotta Hamberger, Grete Hippelein, Kalle Hippelein, Maren Hofmann, Ivana Iannone, Nathalie Iskandar, Mona Klammer, Jana Michel, Hannes Martini, Wusha Mohammed, Julian Oppermann, Julian Pfrommer, Martin Rühl, Annsophie Schmidt, Hagen Schulz, Vadim Soshnyev, Livia Tran, Hannah Vitos, Xiling Yu, Klarissa Zechiel, Celina Zürcher
Recherche
Kirsten Affana Biogolo, Kendra Atouga Biogolo, Leana Boselawa Kango, Lena Bott, Nina Breunig, Lina Burkhardt, Nina Dieterle, Sina von Drachenfels, Emma Eisemann, Maryam El Idrissi El Bechkaoui, Naemi Fust, Devin Geiselhardt, Luisa Gengenbach, Anna Günther, Lotta Hamberger, Kalle Hippelein, Maren Hofmann, Ivana Iannone, Nathalie Iskandar, Mona Klammer, Jana Michel, Hannes Martini, Wusha Mohammed, Julian Oppermann, Julian Pfrommer, Annsophie Schmidt, Hagen Schulz, Livia Tran, Hannah Vitos, Xiling Yu, Klarissa Zechiel, Celina Zürcher
Texte
Sabine Bücheler, Nina Dieterle, Sina von Drachenfels, Emma Eisemann, Maryam El Idrissi El Bechkaoui, Devin Geiselhardt, Luisa Gengenbach, Anna Günther, Lotta Hamberger, Maren Hofmann, Jana Michel, Julian Oppermann, Julian Pfrommer, Martin Rühl, Annsophie Schmidt, Klarissa Zechiel, Celina Zürcher
Sprecherinnen & Sprecher
Florian Adler, Leana Boselawa Kango, Lena Bott, Lina Burkhardt, Edith Drescher, Naemi Fust, Lukas Heidt, Grete Hippelein, Ivana Iannone, Nathalie Iskandar, Mona Klammer, Hannes Martini, Wusha Mohammed, Mathias Sahm, Bastian Schroth, Xiling Yu
Projektbetreuung
Sabine Bücheler, Martin Rühl
Fachliche Beratung
Florian Adler, Brigitte Brändle, Gerhard Brändle, Grete Hippelein
Design & Layout
Florian Adler, Martin Rühl
Website/IT
Samuel Lutzweiler
Musik
Christopher Bork
Filmschnitt
Martin Rühl
Kamera Teaser & Introfilm
Joachim Wossidlo
Übersetzung & Untertitel
Englisch: Luisa Gengenbach, Sonja Kinck
Spanisch: Grete Hippelein, Kaya Baumbusch, Mavie Lind, Sofia Mylonas, Fenja Schückle, Maja Zilly
Sensitivity Reading
Barbara Branscheid
Ziel des 2022 begonnenen Projekts war es, ausgewählte Biografien ehemaliger jüdischer Hildaschülerinnen als „erzählende Geschichte“ darzustellen und durch digitale Elemente zu veranschaulichen. Dazu mussten die Lebenswege möglichst detaillliert rekonstruiert und in den „größeren“ geschichtlichen Rahmen eingebettet werden. Dazu bildete sich eine neue Projektgruppe: Sina von Drachenfels, Devin Geiselhardt, Lotta Hamberger, Maren Hofmann, Julian Oppermann, Julian Pfrommer und Klarissa Zechiel trugen alle verfügbaren Quellen zusammen, machten weitere Nachfahren ausfindig und nahmen die Recherchen der Vorgängerprojektgruppe auf, um diese zu ergänzen.
Zunächst wurden sechs Biografien in den Blick genommen. Um die Ereignisse und Lebensgeschichten für die Leserinnen und Leser nachvollziehbar darzustellen, wurde der Fokus letztendlich auf nur vier Biografien gelegt. Die Texte wurden nach zuvor vereinbarten Kriterien im erzählenden Stil verfasst. Lokalgeschichtliche Ereignisse konnten den Recherchen von Annsophie Schmidt und den ersten beiden Projektgruppen der AG „Geschichte aktiv“ entnommen werden. Ergänzungen basieren auf den Veröffentlichungen von Brigitte und Gerhard Brändle sowie Hans-Peter Becht.
Die ursprüngliche Idee war es, eine Art „hybrides Buch“ zu erstellen, das mittels QR-Codes digitale Elemente ergänzt. Es zeigte sich jedoch sehr schnell, dass eine analoge Printversion den Verbreitungsgrad begrenzen und Erweiterungen verkomplizieren würde. Zudem sollten die Projektergebnisse frei zugänglich und ohne „Bezahlschranke“ verfügbar sein. Es kristallisierte sich ein interaktives E-Book heraus. Das Ergebnis nennen wir FusionBook. Es ist in einem Zeitraum von dreieinhalb Jahren entstanden.

Da die parallel arbeitende Projektgruppe (2022/2023) acht Kurzfilme zur NS-Geschichte Pforzheims produzierte, entstanden Synergieeffekte. Dort erarbeitete Texte, Film- und Bildmaterial konnten teilweise auch für das FusionBook verwendet werden. Die Fülle an Quellen, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hatte, führte dazu, dass das E-Book-Projekt an die Nachfolgegruppe übergeben wurde. Diese ergänzte es durch vertiefende Recherchen und Filmbeiträge und führte weitere Interviews mit Nachfahren. Das interaktive FusionBook wurde somit zu einem Gesamtprojekt, zu dem fünf Projektgruppen (über 40 Schülerinnen und Schüler) und fünf Lehrerinnen und Lehrer wertvolle Beiträge geliefert haben. Kunstlehrer Florian Adler gestaltete das Design, Musiklehrer Christopher Bork komponierte die Titelmelodie und verschiedene Variationen des Stückes „Spurensuche“ für mehrere Kurzfilme. Darüber hinaus haben weitere Lehrerinnen und Lehrer durch das Verlesen von Briefen historischen Personen ihre Stimme verliehen.
Eine Vielzahl von Unterstützenden hat unser Projekt ermöglicht. Wir sind sehr dankbar für die vielfältige Hilfe von Mitarbeitenden in den verschiedenen Archiven – allen voran Anett Post-Hafner vom Stadtarchiv Pforzheim. Außerdem war es – angesichts eines knappen Projektbudgets – eine große Hilfe, dass uns mehrere Archive die Bereitstellungskosten für Bild-, Film- und Audiodokumente erlassen oder reduziert haben.
Eine unverzichtbare Unterstützung war die Beratung durch Brigitte und Gerhard Brändle. Ihre Forschungen und Veröffentlichungen waren und sind ein wichtiger Ausgangspunkt unserer Projektarbeit. Desweiteren danken wir der Initiative Stolpersteine Pforzheim. Mehrfach wurde es unseren Projektgruppen ermöglicht, in Zusammenarbeit mit dem Leiter der Initiative, Hans Mann, Stolpersteinverlegungen zu planen, zu organisieren und zu gestalten. Die Kontakte zu Nachfahren der Verfolgten waren wichtige und beeindruckende Erfahrungen für Schüler und Lehrer.
Unser FusionBook „Hitler nennt mich Sara“ ist so gestaltet, dass es ergänzt und erweitert werden kann. Schließlich sind die in sieben Jahren Projektarbeit recherchierten Informationen noch längst nicht ausgeschöpft.
Wir danken allen, die sich für die Erinnerung einsetzen.
Du hast Fragen zum FusionBook, möchtest uns Feedback geben? Schreibe uns, was dich bewegt…
TRIGGERWARNUNG
„Hitler nennt mich Sara“ handelt von den Schicksalen von Verfolgten des Nazi-Regimes. Es geht darin zwar auch um Freundschaft, Hilfe, Solidarität und Menschlichkeit. Im Mittelpunkt stehen jedoch dramatische Lebenswege – Diskriminierung, Ausgrenzung, Gewalt, Flucht, Verfolgung, Vergewaltigung und Mord.
Es ist wichtig, dass du dich vorher im Rahmen des Geschichtsunterrichts mit den Themen Nationalsozialismus und Holocaust auseinandergesetzt hast. Sollten dich derartige Inhalte zu stark belasten, möchten wir dir unser FusionBook nicht empfehlen. In diesem Fall kannst du dich anhand von Erklärvideos über die Thematik informieren und vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt zurückkommen.
Unser Introfilm gibt dir Infos zur Benutzung:
Hinweis zu den interaktiven Karten: Sollten die Karten nicht angezeigt werden, überprüfe bitte deine Cookie-Einstellungen und stelle sicher, dass dein Browser auf dem aktuellen Stand ist.
Bis Ende April ist [highlight snippet=“6796″]Edith[/highlight] auf Transporten unterwegs. Sie machen an verschiedenen Stationen Halt. Da sich die Deutschen kontinuierlich auf dem Rückzug befinden, sind fast alle Lager und Orte, zu denen sie kommen sollten, evakuiert oder werden gerade geräumt. Die Fahrt wird zu einer furchtbaren [highlight snippet=“10632″]Odyssee[/highlight]. In Waggons mit bis zu 120 Personen werden sie transportiert. Jeden Morgen werden die Toten hinausgeworfen. Einmal gibt es acht Tage am Stück kein Essen. Der Leiter des Transportzuges, an dem die Küche angehängt ist, ist zu den Amerikanern übergelaufen. Also gibt es nun nicht mal mehr das Nötigste an Nahrungsmitteln. Doch alles ist besser als das Todesurteil, dem Edith entgangen ist.
Lilli hat währenddessen bei einer französischen Bauernfamilie auf dem Land eine Unterkunft gefunden. Da ihre Papiere gefälscht sind, ist der Familie nicht bewusst, wen sie da „verstecken“. [highlight snippet=“6809″]Lilli[/highlight] weiß aber natürlich um die Gefahr, in die sie die Familie bringt, wenn die deutschen Besatzer sie entdecken. Aus tiefem Pflichtgefühl heraus arbeitet sie so hart, wie sie kann. Die Arbeit auf dem Bauernhof wird in Friedenszeiten hauptsächlich von Männern erledigt. Doch Lilli will der Familie unbedingt etwas zurückgeben.
Auch das Lager, in dem [highlight snippet=“6807″]Trude[/highlight] nach wie vor inhaftiert ist, soll geräumt werden. Wie vielen anderen Lagerinsassen droht auch Trude, auf einen „Todesmarsch“ geschickt zu werden.
Am 8. Mai 1945 schweigen die Waffen. Das Deutsche Reich kapituliert vollständig. Der Zweite Weltkrieg verzeichnet nach Schätzungen mindestens 65 Millionen Opfer, darunter unzählige Zivilisten. Der von den Nationalsozialisten organisierte Massenmord an circa sechs Millionen Jüdinnen und Juden sowie an politischen Gegnerinnen und Gegnern, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen, Homosexuellen und Andersdenkenden geht als beispielloser Zivilisationsbruch in die Geschichte ein.
Für Ida, Trude, Edith und Lilli wird es zur unfassbaren Gewissheit, dass viele ihrer Freunde und Familienangehörigen die Verfolgung nicht überlebt haben. [highlight snippet=“7043″]Idas[/highlight] Familie überlebt dank ihrer Flucht nach Bolivien. Sie verliert jedoch mehrere Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins. Auch mehrere Freunde und Bekannte werden ermordet.
Edith verliert ihre Eltern [highlight snippet=“6981″]Sophie[/highlight] und [highlight snippet=“6980″]Salomon[/highlight]. Sie wurden aus dem Lager Gurs heraus weiter nach Auschwitz deportiert und ermordet. Ihr Bruder [highlight snippet=“7021″]Leopold Wolf[/highlight] lebt nach dem Krieg in Schweden.
Trude verliert ihre geliebten Eltern [highlight snippet=“6983″]Salli[/highlight] und [highlight snippet=“6984″]Frieda[/highlight]. Auch sie überleben das Konzentrationslager Auschwitz nicht. Ihre Schwester [highlight snippet=“7023″]Erna[/highlight] wird vom französischen Untergrund gerettet und gelangt später in die USA.
Für Lillli ist die erste Zeit nach Kriegsende von der Hoffnung auf ein Lebenszeichen ihrer Familie bestimmt. Schnell wird es zu einem quälenden Ritual, Briefe an Auskunftsstellen zu schreiben, stundenlang an Bahnhöfen auf Rückkehrer zu warten und die Überlebendenlisten des Roten Kreuzes durchzusehen – immer verbunden mit der verzweifelten Hoffnung, einen ihrer Namen zu finden. Doch Lilli überlebt als einzige ihrer Familie. [highlight snippet=“6991″]Philipp[/highlight], [highlight snippet=“6990″]Marta[/highlight] und [highlight snippet=“6988″]Edgar[/highlight] werden alle in Auschwitz ermordet.
Auch wenn Edith, Lilli, Trude und Ida ihr Leben retten können, die körperlichen und seelischen Belastungen bleiben ein Leben lang.
In Pforzheim sind die Folgen des Krieges inzwischen deutlich zu spüren. Zwar hatte die Stadt bisher nur kleinere Luftangriffe erlebt. Dennoch wissen die Pforzheimerinnen und Pforzheimer um den Rückzug der deutschen Truppen an allen Fronten.
Unbemerkt von der Öffentlichkeit wird am 30. November 1944 eine grausame Mordaktion durchgeführt. Im Pforzheimer Gefängnis in der Rohrstraße sind 25 Mitglieder der Widerstandsgruppe „Réseau Alliance“ inhaftiert. Die französische Widerstandsbewegung mit insgesamt über 3000 Mitgliedern ist in den Augen der Nazis eine der gefährlichsten Gruppen. Sie kundschaftet geheime Rüstungsfabriken aus, übermittelt Nachrichten über Truppenbewegungen an die Alliierten und hilft Verfolgten und Familien von Inhaftierten.
An diesem Donnerstag, um 5 Uhr morgens, werden die Gefangenen aus dem Schlaf gerissen. Der aus Tiefenbronn stammende Straßburger Gestapo-Chef, [highlight snippet=“10562″]Julius Gehrum[/highlight], und vier SS-Männer bringen die in Pforzheim inhaftierten Mitglieder auf Lastwagen in das Waldgebiet Hagenschieß. Die acht Frauen und 17 Männer werden am Rande eines Bombentrichters zunächst gefoltert und schwer misshandelt und anschließend erschossen oder zu Tode geprügelt. Unter den Opfern der sogenannten [highlight snippet=“10564″]“Schwarzwälder Blutwoche“[/highlight] sind Offiziere und Beamte, Verkäuferin und Student, Polizist und Priester, Hausfrau und Grafiker, Bäcker, Friseur und Lebensmittelhändler. Ihre Leichen werden mit Erde und Gestrüpp notdürftig verscharrt.
ERMORDETE WIDERSTANDSKÄMPFER (FÜR INFOS AUF NAMEN TIPPEN)•[highlight snippet=“10579″]Q[/highlight]
Am 14. Februar 1945 deportiert die [highlight snippet=“7312″]Gestapo[/highlight] die 13 noch in Pforzheim verbliebenen jüdischen Bürgerinnen und Bürger. Diese leben in interreligiösen Ehen – sogenannten „Mischehen“ – oder sind Kinder aus solchen Ehen. Obwohl auch sie über mehrere Jahre ausgegrenzt wurden, hatte ihnen dieser Status zumindest bis dahin einen gewissen Schutz gewährt. Dennoch mussten sie vor der Deportation nach Theresienstadt bereits Zwangsarbeit leisten.
FÜR INFOS AUF NAMEN TIPPEN
Der Krieg, den die Nationalsozialisten begonnen haben, ist längst nach Deutschland gekommen. Am 23. Februar bereitet eine Flotte von 368 Flugzeugen der [highlight snippet=“7343″]Royal Air Force[/highlight] einen Angriff auf das Stadtzentrum Pforzheims vor…
Interaktive Karte „Zerstörung Pforzheims“
Nach den Gewaltexzessen der Pogromnacht versuchen die meisten der noch verbliebenen jüdischen Pforzheimer verzweifelt, eine Ausreisemöglichkeit zu finden. Es haben sich nun rund zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung Pforzheims ins Ausland gerettet. Die wenigen, die bleiben, weil sie keine Auswanderungsmöglichkeit haben oder die die Heimat einfach nicht verlassen möchten, leben entrechtet im gesellschaftlichen Abseits. Ein Blick in das Pforzheimer Adressbuch bestätigt die Ausgrenzung schwarz auf weiß. Die druckfrische Ausgabe vom März 1940 weist eine eigene Rubrik aus.


Adressbuch 1940 •[highlight snippet=“9816″]Q[/highlight]
Für Trudes Familie hat sich die Hoffnung zerschlagen, dass der Onkel ein Visum für die USA beschaffen kann. Er hatte schon anderen dabei geholfen und kann jetzt nichts mehr tun. Auch für die Rosenblüths und Brauns hat sich bisher keine Fluchtmöglichkeit ergeben. Sie ahnen nicht, dass der 22.Oktober 1940 über ihr Schicksal entscheiden wird. In der Güterstraße 5 klingelt es bei Familie Braun. Vor der Tür steht die Gestapo. Lilli, ihre Mutter [highlight snippet=“6990″]Marta[/highlight] und die Großeltern Moritz und Hermine sowie Lillis Onkel Erich werden aufgefordert, innerhalb von zwei Stunden zu packen. Sie dürfen nur 50 Kilo Gepäck sowie höchstens 100 Reichsmark Bargeld mitnehmen. Auf die Fragen „wohin“ oder „warum“ bekommen sie keine Antwort. Auch das nette Ehepaar aus der Nachbarschaft, [highlight snippet=“6951″]Herr und Frau Peritz[/highlight], werden abgeholt. Weitere Fahrzeuge halten vor der Metzgerstraße 17, um Trudes Schwester und die Eltern abzuholen, vor der Sophienstraße 14, wo Ediths Eltern aufgefordert werden mitzukommen, und vor den anderen Häusern der verbliebenen Jüdinnen und Juden. Ausgenommen sind nur diejenigen, die in sogenannten [highlight snippet=“7333″]“privilegierten“ Mischehen[/highlight] leben.
In der Luisenstraße 6 sollen auch der Frauenarzt [highlight snippet=“10833″]Dr. Rudolf Kuppenheim[/highlight] und seine Frau [highlight snippet=“10834″]Lilly[/highlight] abgeholt werden. Das Ehepaar scheint zu ahnen, was ihnen bevorsteht. Anstatt zu packen, holt Herr Kuppenheim seine [highlight snippet=“10835″]Kriegsorden aus dem Ersten Weltkrieg[/highlight] und legt sie gut sichtbar auf den Tisch. Anschließend nehmen sie Gift ein. Als die SA-Männer zurückkommen, um sie abzuholen, finden sie sie noch lebend vor. Sie sterben am darauffolgenden Tag im städtischen Krankenhaus.
Familie Kuppenheim •[highlight snippet=“9818″]Q[/highlight]• Zum Grabmal
An diesem Tag werden 182 Personen aus Pforzheim verschleppt, 20 weitere, die vorher in Pforzheim gewohnt haben, aus anderen Orten, und 10 Personen aus Königsbach. Die Nazis haben alles akribisch vorbereitet und eine Deportationsliste erstellt.
Interaktive Karte „Versteigerungen“
Die Zugfahrt dauert vier Tage und führt über Karlsruhe, Freiburg, Mühlhausen, Chalons-sur-Saône, Lyon, Toulouse, Lourdes und Pau nach Oloron-Sainte Marie. Von dort werden die Verschleppten in offenen Lastwagen in das [highlight snippet=“7489″]Lager Gurs[/highlight] transportiert. Obwohl das Lager kein Vernichtungslager ist, herrschen dort menschenunwürdige Zustände. Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal, die Lebensmittelversorgung ist knapp. Und es steht der Winter bevor. Das Lager versinkt fast im Schlamm, Feuerholz ist kaum vorhanden und auch an der Wasserversorgung mangelt es. Zum Teil frieren die Wasserleitungen ein. Lilli und die anderen Inhaftierten müssen in überfüllten Baracken auf feuchten Strohsäcken oder dem Boden schlafen. Für die kalten Nächte gibt es nur dünne Decken. Und über allem schwebt die Unsicherheit.

Lager Gurs (Bild: United States Holocaust Memorial Museum •[highlight snippet=“9821″]Q[/highlight]) • Zum Lagerplan
Seit über fünf Jahren sind die Nazis nun an der Macht. Fünf Jahre haben gereicht, um die geliebte Heimat in eine fremde Region zu verwandeln. Dennoch bleiben die Familien von Ida, Edith, Lilli und Trude in Pforzheim. Wo sollen sie auch hin? Insgeheim hoffen sie immer noch, dass der Albtraum irgendwann ein Ende nimmt. Schließlich kann man ihnen die Heimat nicht einfach wegnehmen.
Das ändert sich am 9. November 1938 schlagartig. Wenige Tage zuvor hatte der in Paris lebende polnische Jude Herschel Grynszpan erfahren, dass seine Familie vertrieben worden war. Der 17-Jährige besorgte sich eine Pistole und schoss damit am 7. November auf den deutschen Legationssekretär Ernst vom Rath. Dieser stirbt zwei Tage später an den Folgen der Verletzung. Für das Nazi-Regime ein willkommener Anlass für eine neue Welle der Gewalt.


Herschel Grynszpan (Bild: Bundesarchiv •[highlight snippet=“9800″]Q[/highlight])
Dieses Ereignis liefert nun Reichspropagandaminister Josef Goebbels den Vorwand, um gewaltsame Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung im gesamten Deutschen Reich zu veranlassen. Der [highlight snippet=“8075″]Pogrom[/highlight] soll dabei als spontaner Ausbruch des „Volkszorns“ kaschiert werden. Das Attentat ist der Auslöser, um eine Vergeltungsaktion zu inszenieren. Wie in vielen anderen deutschen Städten kommt es auch in Pforzheim zu einer unfassbaren Gewaltaktion. In dieser Nacht zeigen die braunen Schläger ihr wahres Gesicht. Spätestens jetzt muss jedem klar sein, dass es für Juden in Deutschland keine Zukunft mehr gibt. Spätestens jetzt wird aus den hasserfüllten Parolen reale Gewalt, die jeder sehen kann, der es sehen will.
Es ist Mittwochabend und die Nazis feiern eigentlich die „Heldengedenkfeier“. So nennt sich die Feier für die 1923 beim [highlight snippet=“7297″]Hitlerputsch[/highlight] erschossenen Mitkämpfer. Nach den Feierlichkeiten auf dem [highlight snippet=“6857″]“Platz der SA“[/highlight] marschieren die SA-Trupps zu verschiedenen Lokalen. Mit reichlich Alkohol wird dort weiter gefeiert. SA-Obersturmführer Hermann Steimle und SA-Mann Fritz Rapp sind mit ihrem Trupp zuerst im [highlight snippet=“7302″]Hotel Ruf[/highlight]. Von dort geht später eine Gruppe weiter in den [highlight snippet=“7303″]Schlosskeller[/highlight], wo die Feierlichkeiten weitergehen. Nach Mitternacht trinken Steimle, Rapp und weitere SA-Männer in der Brötzinger Wirtschaft „Traube“ weiter. Steimle erhält dort zu später Stunde einen Anruf. Die Anweisung lautet: SA-Uniformen ablegen und in ziviler Kleidung zum „Stabsgebäude Standarte“ in der Östlichen Karl-Friedrich-Straße 24 kommen. Allen ist klar, dass die Zivilkleidung den Eindruck erwecken soll, dass die SA mit den bevorstehenden Gewalttaten nichts zu tun hat.

Salomon und Sophie Rosenblüth (Mitte) mit ihren Kindern •[highlight snippet=“9756″]Q[/highlight]
Schon wenig später versammeln sich zahlreiche SA-Leute, teilweise betrunken, vor dem Gebäude. Es werden mehrere Schlägertrupps gebildet. Jeder Führer dieser Trupps bekommt einen Zettel mit Namen und Adressen von Juden. Das Stadtgebiet ist unter den Nazi-Gruppen aufgeteilt. Allein in der Nordstadt sind zwischen 10 und 20 Trupps unterwegs. Wie viele es insgesamt sind, ist nicht klar. Alle Beteiligten wissen, worum es geht: die jüdischen Familien aufzusuchen und die männlichen Familienangehörigen zu verprügeln. In dieser Nacht machen die Nazis ernst. Diesmal soll es nicht bei einzelnen Schikanen bleiben. Eine Welle der Gewalt rollt über die Stadt.
Der Trupp um SA-Scharführer Holl bekommt den Auftrag, in die Wohnung der Familie Rosenblüth in der Sophienstraße 14 zu gehen. Die Schläger klingeln an der Haustüre. [highlight snippet=“6981″]Frau Rosenblüth[/highlight] öffnet und fragt nach dem Grund des Besuchs. Die Antwort: „Kriminalpolizei! Hausdurchsuchung!“ Daraufhin laufen die Schläger direkt in das Schlafzimmer, wo Ediths [highlight snippet=“6980″]Vater[/highlight] krank im Bett liegt. Das hält Holl nicht davon ab, mit dem Gummiknüppel auf ihn einzuschlagen. Ediths Mutter geht schützend dazwischen, auch sie wird mehrmals geschlagen. Blut läuft ihr über das Gesicht, ihre Kopfhaut ist aufgesprungen.
Auch Lillis Großvater wird in dieser Nacht Opfer der Gewalt. Steimles Trupp sucht Herrn Holzer in der Güterstraße auf. Nach der Aufforderung, die Haustüre zu öffnen, steht der alte Mann vor ihnen. Er erkennt mehrere Männer in Zivilkleidung, von denen einer jedoch eine SA-Hose trägt. Der Trupp zögert nicht lange und schlägt Holzer zusammen. Er schreit vor Schreck und Schmerzen und fällt zu Boden. Gleich darauf lassen sie wieder von ihm ab und verschwinden vom Tatort.
Ellens Vater, der bekannte Pforzheimer Arzt [highlight snippet=“6854″]Dr. Roos[/highlight], wird in dieser Nacht ebenfalls brutal zugerichtet. „Es ist ein [highlight snippet=“7307″]Telegramm[/highlight] hier, und es muss sofort abgegeben werden.“ Mit diesen Worten verschaffen sich die Schläger Zutritt zur Wohnung. Der SA-Mann Rudolf Bacherer verprügelt Roos und wirft ihn die Treppe herunter, sodass er bewusstlos und blutüberströmt auf dem Boden liegen bleibt.
Familie Roos bei einem Ausflug mit Albert Einstein und Simon Bloch •[highlight snippet=“9804″]Q[/highlight]
Auch Idas Freund Fritz bekommt in dieser Nacht „Besuch“. In der Bertholdstraße 4 wohnen die jüdischen Familien Nachmann, [highlight snippet=“10167″]Blum[/highlight], [highlight snippet=“10169″]Kahn[/highlight], [highlight snippet=“10172″]Abrahmsohn[/highlight] und die Lehrerin [highlight snippet=“6851″]Frau David[/highlight] mit ihrer Schwester [highlight snippet=“7090″]Sofie[/highlight]. Als unten vor der Tür ein lautes „Aufmachen! Aufmachen!“ zu hören ist, öffnet irgendjemand im Haus die Eingangstür. Fritz hört von seinem Schlafzimmer aus das Geschrei der Nazi-Schläger, wie sie die Treppe hinaufpoltern. Er geht aus seinem Zimmer heraus und wird von den Eltern sofort zurückgeschickt. Doch er bekommt mit, was sich an der Wohnungstüre abspielt. Als sein Vater sie öffnet, stehen da junge Kerle, offensichtlich betrunken. Sie versuchen auf [highlight snippet=“6733″]Herrn Nachmann[/highlight] einzuschlagen, doch seine [highlight snippet=“7054″]Mutter[/highlight] stellt sich schnell dazwischen, sodass sie ihn nur im Gesicht treffen. Fritz zittert vor Angst. Ohne nachzudenken, ruft er die Polizei an, um zwei Uhr nachts. Er erzählt dem diensthabenden Polizisten alles. Dieser sagt lediglich: „Keine Aufregung, wir kommen gleich.“ Aber niemand kommt. Als die Nazischläger weg sind, ziehen sich alle an. Fritz‘ Vater läuft zum Polizeiamt in der Bahnhofstraße. Als er zurückkommt, sagt er zu Fritz, dass er schnell das Auto aus der Garage der Gengenbach-Tankstelle holen solle. Fritz macht das. Herr Nachmann ruft noch rasch seine Geschwister an, ob sie auch mitwollen, aber sie wollen bleiben. Er hat den Plan, über den Rhein nach Frankreich zu fliehen. Auf dem Weg über Karlsruhe fahren sie bei Fritz‘ Tante vorbei und sehen die Synagoge in der Kronenstraße brennen. Sie fahren in der Nacht den Rhein entlang Richtung Rastatt, Offenburg, Kehl, aber den Weg über die Grenze wagen sie nicht. Zwischen Achern und Ottenhöfen finden sie ein kleines Gasthaus, wo sie übernachten, um in den nächsten Tagen über die Grenze zu gelangen. Sie bleiben die nächsten zehn Tage dort.
In derselben Nacht klingelt es auch bei Familie Ullmann. Trudes Vater öffnet die Tür…
[highlight snippet=“6983″]Salli[/highlight] ist schwer gezeichnet. Was erschwerend hinzukommt: Er wird zwar im Krankenhaus aufgenommen wurde, der Chirurg näht seine Wunden am Kopf allerdings ohne Betäubung.
Die Wohnungen der Familien David und Furchheimer in der Hohenzollernstraße 34 werden in dieser Nacht ebenso zum Tatort, an dem die Schläger ein Blutbad anrichten. Bei aller Brutalität hat Herr David jedoch das Glück, dass der Arzt [highlight snippet=“10601″]Dr. Wilhelm Bopp[/highlight] seinem Gewissen folgt.
In dieser Nacht sind die meisten jüdischen Familien in Pforzheim Opfer zügelloser Gewalt. Eine der seltenen Ausnahmen stellt Idas Familie dar. Die Bensingers bleiben in der [highlight snippet=“6712″]Hohenzollernstraße[/highlight] von den nächtlichen Übergriffen verschont. Vielleicht waren sie versehentlich nicht auf der Liste der Schläger.
Am nächsten Morgen gegen 9 Uhr errichten SA- und SS-Männer eine Absperrung um die Synagoge in der Zerrennerstraße und dringen in sie ein. Sie demolieren die Inneneinrichtung, werfen [highlight snippet=“7074″]Torarollen[/highlight] und Bücher in den [highlight snippet=“7309″]Mühlkanal[/highlight]. Gleichzeitig klettern mehrere Männer auf das Dach und verbiegen den Davidstern. Unter Verwendung einer kleinen Sprengladung versucht das Rollkommando die Synagoge zu zerstören. Währenddessen kommt es vor der Synagoge zu einer großen Menschenansammlung.


Verwüstete Synagoge und zerstörter Innenraum •[highlight snippet=“9807″]Q[/highlight]
Zur selben Zeit zertrümmern SA-Männer an unterschiedlichen Stellen in der Stadt die Fensterscheiben jüdischer Geschäfte. Am Güterbahnhof, in der Leopoldstraße, am Sedanplatz, in der Dillsteiner Straße sowie in der Östlichen und Westlichen Karl-Friedrich-Straße verwüsten sie Ladeneinrichtungen und zerstören Waren. Vor aller Augen vollzieht sich nun der Hass. Auch die Mitglieder der Hitlerjugend beteiligen sich an den Zerstörungen. Auf dem Leopoldplatz steht eine große Menschenmenge vor dem Schuhhaus „Speier AG“. Alle fünf Fenster sind zerstört und die Schuhe liegen auf der Straße verteilt. Lillis Nachbarin [highlight snippet=“6848″]Eleonore Peritz[/highlight] wird unter den Augen der Polizei gezwungen, die Schuhe zu säubern und wieder in den Laden hineinzuwerfen. Die Stimmung ist aufgeheizt.

Rechts das [highlight snippet=“10719″]Schuhhaus Speier[/highlight] vor der Zerstörung •[highlight snippet=“9809″]Q[/highlight]
Auch das Schuhhaus Schauer wird massiv verwüstet. Zwischen 9 und halb 10 klirren die fünf großen Schaufensterscheiben. Auch die Eingangstür wird mit Steinen eingeworfen. Die Verkäuferin Helene Kleinheins bekommt die Scherben in den Rücken. Als dann weitere Steine durch die zerstörten Schaufenster fliegen und auch die Spiegel im Ladeninneren zertrümmert sind, versuchen sich die Verkäuferinnen durch den Hinterausgang in Sicherheit zu bringen. Im Keller und Treppenhaus warten sie den ganzen Vormittag. Gegen 12 Uhr wird der Krach und die Zerstörungswut noch einmal intensiver, da weitere Schüler aus der Schule kommen und sich entsprechend aufgehetzt an der Zerstörungswut beteiligen.
Bensingers, die ja aus unbekannten Gründen in dieser Nacht verschont worden sind, bekommen von alledem zunächst nichts mit. Am selben Morgen fährt Ida völlig ahnungslos zur Arbeit nach Karlsruhe. Sie wundert sich lediglich, dass Fritz nicht da ist. Er fährt normalerweise immer mit ihr zusammen im Zug. Als sie in die Werkstatt zu [highlight snippet=“6855″]Frau Fortlouis[/highlight] kommt, starrt die Schneidermeisterin sie mit großen Augen an. Mit ihr hat niemand gerechnet. Sie erfährt, was in der Nacht passiert ist. Frau Fortlouis‘ Mann hatte man auch verhaftet. Sofort fährt Ida mit dem Zug zurück nach Hause, wo immer noch niemand Bescheid weiß. Ihr Vater fährt umgehend zur Hindenburgschule, um Bruder Hans abzuholen. Alle sind extrem angespannt und sehr nervös. Als das Telefon klingelt und sich ihr Freund Fritz meldet, bittet er die ganze Familie, sofort zu ihm zu kommen. Er erzählt, dass sie nach den Geschehnissen der Nacht aus der Stadt geflüchtet sind. Bensingers haben allerdings kein Auto mehr und die Führerscheine hatte man ihnen ja auch schon weggenommen. Idas Vater kann aber auf die Schnelle organisieren, dass sein Nachfolger im Geschäft einen Fahrer schickt und auch gleich Tante Clärle und ihre kleine Tochter Ursula mitbringt. Alle packen in Windeseile das Nötigste zusammen, werfen alles in einen kleinen Koffer und schließen die Rollläden. Als sie gehen wollen, stehen plötzlich zwei Männer von der Gestapo vor der Tür. Der ehemalige Chauffeur, Herr Bawidamann, kann gar nicht glauben, was passiert, und fragt, wieso [highlight snippet=“6986″]Herr Bensinger[/highlight] inhaftiert werden solle. In Begleitung der Gestapo muss er seinen ehemaligen Chef zum Gefängnis fahren. Ida, [highlight snippet=“6961″]Hans[/highlight] und ihre Mutter [highlight snippet=“6987″]Eugenie[/highlight] bleiben sprachlos zurück. In dieser Nacht machen sie kein Auge zu. Besonders Hans nimmt das alles sichtlich mit. Als sich Idas Mutter direkt am nächsten Morgen im Gefängnis nach ihrem Mann erkundigt, ist er schon nicht mehr dort. Sie bekommt auch keine Informationen über seinen aktuellen Aufenthaltsort. Alle haben Angst – um den Vater und um sich selbst.
Außer Herrn Bensinger verhaftet die [highlight snippet=“7312″]Gestapo[/highlight] am 10.November 29 weitere Pforzheimer Juden. Die Männer werden im Gerichtsgefängnis in „Schutzhaft“ genommen. Diejenigen, die sechzig Jahre oder älter sind, werden am selben Tag wieder freigelassen. Die anderen verbringen die Nacht in einer Zelle. Am darauffolgenden Tag werden sie in einen Viehwaggon gesperrt, der sie ins [highlight snippet=“7315″]Konzentrationslager Dachau[/highlight] bringen soll. In Dachau angekommen folgt eine wochenlange Inhaftierung. Die Männer werden wiederholt misshandelt und gedemütigt. Herr Roos wird mehrfach von den [highlight snippet=“8074″]Kapos[/highlight] und [highlight snippet=“10595″]SS[/highlight]-Leuten zusammengeschlagen. Auch Herr Marx wird auf das Übelste verprügelt.
Interaktive Karte „10.November 1938“
Trudes Vater [highlight snippet=“6983″]Salli[/highlight] wird überraschenderweise nicht nach Dachau verschleppt. Ob das an seinen Verletzungen liegt oder ob er „vergessen“ wurde, wissen sie nicht. Doch alle sind natürlich froh. Völlig verzweifelt sind hingegen die Levys von gegenüber. Da ihr Haus zusammen mit der Synagoge ausgebrannt ist, sind sie obdachlos. Ullmanns nehmen sie bei sich auf. [highlight snippet=“6960″]Hertas[/highlight] Vater [highlight snippet=“7075″]David[/highlight] hatte schon ein Visum für die USA beantragt. Sie warten nur noch auf die [highlight snippet=“9490″]Bestätigung[/highlight] für die Überfahrt.
Die jüdische Gemeinde wird aufgrund der erzwungenen Auswanderungen – man muss es eigentlich Flucht nennen – immer kleiner. Dennoch gibt es nach wie vor eine jüdische Gemeinschaft in Pforzheim und entsprechende Treffen. Manche wollen nach wie vor ihre Heimat nicht einfach aufgeben. Wenn man sich nicht im Privaten trifft, so sind die bekannten Treffpunkte die Synagoge, das Gemeindehaus dahinter oder das Café Simon. So wie beispielsweise 1936. [highlight snippet=“6797″]Idas[/highlight] und [highlight snippet=“6808″]Lillis[/highlight] Väter finden sich mit weiteren 20 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde im Hof der Synagoge zu einem Gruppenfoto zusammen. Herr Ascher ist auch da, wie auch Lillis Nachbar Herr Peritz und Ilse Landaus Vater. Alles Frontkämpfer. Im Ersten Weltkrieg haben sie ihr Leben für ihre Heimat Deutschland eingesetzt, wurden zum Teil verwundet, die meisten mit militärischen Orden ausgezeichnet. Viele sind der Meinung, dass sie das vor dem Terror der Nationalsozialisten schützen werde. Dieser Ansicht ist auch Herr Peritz. Er weigert sich sein Land zu verlassen. Dieselbe Meinung teilt auch Dr. Ascher. Als glühender [highlight snippet=“6717″]Patriot[/highlight] möchte er sich voll und ganz für sein geliebtes Deutschland einsetzen. Seine Frau [highlight snippet=“6853″]Elsi[/highlight] – eine gebürtige Schweizerin – begegnet dieser Vaterlandsliebe nur mit verzweifeltem Kopfschütteln.
Im Hof der Synagoge (Für Infos auf Person tippen) •[highlight snippet=“9781″]Q[/highlight]
Im selben Jahr finden die Olympischen Sommerspiele in Berlin statt. Alles schaut auf den Sport. Umso glücklicher sind die, die vor Ort bei einem der Wettkämpfe mitfiebern dürfen. Vom 1. bis 16. August messen sich fast 4000 Sportler aus 49 Ländern und kämpfen um Edelmetall. Deutschlands Olympia-Team macht sich berechtigte Medaillenhoffnungen. Und auch Pforzheim ist in aller Munde, denn die Medaillen werden von der Firma B.H. Mayer in der Goldstadt hergestellt.
Nach den Spielen zeigt sich das inzwischen bekannte Gesicht des NS-Regimes – zumindest für diejenigen, die es sehen wollen. In Pforzheim wird im Herbst mal wieder im Gleichschritt marschiert. Am 6. Oktober 1936 präsentiert sich der Bevölkerung das „III. Infanterie-Regiment 111“ auf dem Marktplatz. Jung und Alt sind auf den Beinen. Aus den Fenstern der Häuser rund um den Platz schauen Neugierige dem Schauspiel zu.

Marktplatz •Q
Mittwoch, 3. Februar 1937 – endlich: Purim-Feier. Heute ist Verkleiden angesagt. Das traditionelle Fest soll an die Rettung des jüdischen Volkes in der persischen [highlight snippet=“10697″]Diaspora[/highlight] erinnern. Es ist ein Fest der Freude. Beim Gottesdienst in der Synagoge geht es an diesem Tag deshalb auch nicht besonders ernst zu. Es werden außerdem Geschenke ausgetauscht und viele, vor allem süße Festspeisen gegessen. Trude freut sich schon. Gemeinsam mit ihrer Schwester [highlight snippet=“6985″]Erna[/highlight] macht sie sich auf den Weg ins Café Simon. Das Ehepaar Simon führt es schon seit mehreren Jahren. Heute ist richtig was los. Viele bunte Kostüme werden zur Schau gestellt. [highlight snippet=“6808″]Lilli[/highlight] ist auch da. Sogar Lilo ist gekommen. Nur wenige, die heute da sind, sind noch an „normalen“ Schulen. Die meisten sind jetzt in der „jüdischen Abteilung“. Überhaupt ist der Alltag sehr schwer geworden, vieles findet inzwischen nur noch im Verborgenen statt. Aber heute steht das Feiern im Vordergrund. Die Stimmung unter den Kindern ist ausgelassen. Ein Foto darf nicht fehlen, um die bunte Mischung an Kostümen festzuhalten.
Purim-Feier im Café Simon (Für Infos auf Person tippen) •[highlight snippet=“9786″]Q[/highlight]
[highlight snippet=“6724″]Edith[/highlight] ist inzwischen wieder zurück aus der Schweiz und hat in Pforzheim eine Arbeitsstelle gefunden. Seit Anfang 1937 arbeitet sie bei der [highlight snippet=“7051″]Firma Karl Rupp[/highlight] in der Zähringer Allee 41 als Kontoristin. Das entspricht zwar nicht ihrem eigentlichen Berufswunsch, aber die Arbeitsstelle ist gut. Ihr Chef, Herr Rupp, schätzt sie als zuverlässige und kompetente Mitarbeiterin. In der Firma für Schmuck-, Silber- und Alpaccawaren verrichtet sie unterschiedlichste Tätigkeiten. Von Buchhaltung über Versandarbeiten bis hin zur Korrespondenz mit Kunden erledigt sie ihre Aufgaben äußerst zuverlässig.
Am frühen Abend geht Edith ins Café Simon. Dort trifft sich der Synagogenchor. An diesem Abend ist auch [highlight snippet=“6806″]Trude[/highlight] da. Sie und ihre Freundin Beate Kahn sind hier die „jungen Küken“. Der Chor ist ganz bunt zusammengesetzt. Vor allem erinnert der Abend fast schon an ein Hilda-Treffen. Einige Mitschülerinnen oder Ehemalige singen auch mit: Herta Levy, Ilse Landau, Trude Marx, Elfriede Aron, Liese Peritz und Lilly Adler. Die Nathan-Schwestern sind auch dabei. Und natürlich darf der Kantor, Herr Marx, nicht fehlen. Neben ihm sitzt Herr Lieben. Er spielt immer die Orgel in der Synagoge. Die Gespräche werden nur kurz unterbrochen, um ein Foto zu machen.
Synagogenchor •[highlight snippet=“9788″]Q[/highlight]
[highlight snippet=“6797″]Ida[/highlight] hat sich in der Zwischenzeit in der Schweiz ziemlich gut eingelebt, obwohl die Schule weit weg von der Heimat ist. Sie macht dort viel Sport und geht Skifahren. Auch das Essen ist sehr gut. Zu gut, wie Idas Eltern finden. Als sie in den Ferien nach Hause kommt, bekommen ihre Eltern einen Schreck und setzen sie erstmal auf Diät.

Das Töchterinstitut im Winter •[highlight snippet=“10271″]Q[/highlight]
Im Juli 1937 ist aber auch an der neuen Schule Schluss. Ihr Vater [highlight snippet=“6986″]Salomon[/highlight] und Ellens Vater, [highlight snippet=“6854″]Herr Dr. Roos[/highlight], bekommen keine [highlight snippet=“8065″]Devisen[/highlight] mehr, um die Schule zu bezahlen. Ida fehlt noch ein Jahr bis zum Abitur, [highlight snippet=“7059″]Ellen[/highlight] zwei. Für beide ist unklar, wie es nun weitergeht. Aber zuerst müssen sie zurück in die Heimat. Wieder in Pforzheim angekommen, fallen ihnen die Unterschiede im Alltag viel deutlicher auf. In der Schweiz waren die Probleme irgendwie weit weg. Und was Ida besonders trifft: Ihr Traum, den sie schon seit Jahren hat, ist wohl geplatzt. Ein Medizinstudium ist in weiter Ferne. Da hilft ihr das hervorragende Zeugnis der Schweizer Schule auch nicht weiter.
Idas kleinen Bruder [highlight snippet=“6961″]Hans[/highlight] belastet die Situation auch. Er ist natürlich noch sehr jung und versteht es nur zum Teil. Manchmal ist die Diskriminierung aber auch für ihn offensichtlich. Beispielsweise als er völlig aufgelöst und verängstigt nach Hause kommt…
Die Stimmung bei den Bensingers ist alles in allem nicht gerade optimistisch. Einen kleinen Lichtblick gibt es aber: Ida findet zumindest eine Ausbildungsstelle bei einer Damenschneiderin in Karlsruhe. Nicht das, was sie eigentlich will, aber immerhin etwas. Lange hatte sie in Pforzheim nach einer Stelle gesucht. Aber keine christliche Schneiderin hatte den Mut, einen jüdischen Lehrling anzustellen. Also fragte sie bei einer jüdischen Damenschneidermeisterin an. Täglich fährt sie seit Oktober nun nach Karlsruhe. In der Douglasstraße 3 wird sie von Frau Wolf-Fortlouis ausgebildet. Und jetzt sieht sie auch ihren Freund Fritz wieder regelmäßig, denn sie fahren morgens gemeinsam mit dem Zug. Also hat es irgendwie doch etwas Gutes.
Anfang 1938: Großer Jubel in Österreich. Im Nachbarland gab es in den Tagen und Wochen zuvor ziemlichen Aufruhr. Die Heimat des „Führers“ sollte nun auch nationalsozialistisch regiert werden. Am 12. März marschieren daher deutsche Truppen der [highlight snippet=“10594″]Wehrmacht[/highlight], [highlight snippet=“10595″]SS[/highlight] und Polizeieinheiten ein und übernehmen die Kontrolle im Land. Drei Tage später verkündet Adolf Hitler auf dem Heldenplatz in Wien den Anschluss an das Deutsche Reich.



Hitler in Österreich (Bildquelle: [highlight snippet=“9790″]Q[/highlight])
Die Annexion Österreichs wird zu einer riesigen [highlight snippet=“7052″]Propagandaschlacht[/highlight]. Im Vorfeld der „Wahl“ zum „Großdeutschen Reichstag“ am 10. April 1938 werden auf den Hügeln rund um die Stadt weit sichtbare Schilder mit dem Wort „Ja“ aufgestellt. Neben dem Hachelturm ist das Schild sogar mit Glühbirnen bestückt, sodass die Schrift auch nachts zu erkennen ist. Auf dem [highlight snippet=“6857″]“Platz der SA“[/highlight] finden sich die Pforzheimer zu einer Massenkundgebung zusammen. Die bevorstehende Wahl ist gekoppelt mit einer Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs. Das Ergebnis: 98,5 Prozent der Wahlberechtigten stimmen angeblich mit „Ja“.

Am Hachelturm •[highlight snippet=“9793″]Q[/highlight]
Während viele den Anschluss Österreichs begrüßen, ist für die Schülerinnen und Schüler im „Schulghetto“ vieles auf die Vorbereitung der Auswanderung ausgelegt, begleitet von permanenter Unsicherheit und immer wieder Abschiednehmen, wenn eine weitere Familie ein [highlight snippet=“6849″]Visum[/highlight] bekommt. Ein kleiner Ausflug nach Heidelberg mit Herrn Marx soll ein wenig Ablenkung bringen. Der Besuch des [highlight snippet=“10822″]Heidelberger Schlosses[/highlight] ist der Höhepunkt des Tages.


Ausflug zum Heidelberger Schloss •[highlight snippet=“9795″]Q[/highlight]
Bei Bensingers verschärft sich zunehmend die Lage. Die wirtschaftliche Situation ist für das Geschäft von [highlight snippet=“6986″]Herrn Bensinger[/highlight] inzwischen desaströs. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als es an Herrn Riehm, einen „alten Kämpfer“ der Partei, weit unter Wert zu verkaufen. So wie Idels Vater geht es vielen jüdischen Geschäftsleuten in Pforzheim. Der Kundenkreis hat sich in den letzten Jahren stark verkleinert und die Verkaufszahlen sind eingebrochen. Mit dem Verkauf ist nicht nur ein finanzieller Verlust verbunden, sondern auch das hart erarbeitete Lebenswerk, das nun in Trümmern liegt. Natürlich sind da auch diejenigen Pforzheimer, die von den Zwangsverkäufen profitieren. Vielen ist es wahrscheinlich egal oder sie sehen darin nichts, was moralisch fragwürdig ist. Einige wenige geben den jüdischen Verkäufern unter der Hand auch den Differenzbetrag zum eigentlichen Wert.
Auch das Geschäft von [highlight snippet=“6980″]Herrn Rosenblüth[/highlight] hat in den letzten Jahren sehr stark gelitten. Mit dem Umzug in die Sophienstraße 14 betreibt Ediths Vater den Zigarettenhandel nur noch kommissionsweise. Er bezieht die Ware von der Firma Schön aus der Bahnhofstraße. Sein Kundenkreis war ein sehr ausgedehnter und erstreckte sich nicht nur auf Pforzheim. Gasthäuser und Restaurants in den Ausflugsgebieten der Umgebung gehörten dazu: in Eutingen, Niefern, Huchenfeld, Hohenwart, Schellbronn, die Rennbahn auf dem Buckenberg, Dietlingen, Ellmendingen, Wilferdingen und weitere. Doch obwohl auch dieses Geschäftsfeld zurückgegangen ist, denkt Herr Rosenblüth nicht an Auswanderung. Wie viele andere gehört auch er zum [highlight snippet=“7053″]Reichsbund jüdischer Frontsoldaten[/highlight] und ist stolz auf das [highlight snippet=“7292″]Ehrenkreuz[/highlight], das er für seinen Weltkriegseinsatz erhalten hatte. Ihm könne also nichts geschehen, glaubt er.
Der Schulalltag an der Hilda ist in vielen Situationen unerträglich geworden. Man versucht sich damit abzufinden, so gut es eben geht. [highlight snippet=“6808″]Lilli[/highlight] und [highlight snippet=“6799″]Trude[/highlight] gehören 1938 zu den letzten Jüdinnen an der Hildaschule, auch wenn sie längst keine vollwertigen Mitglieder der Schulgemeinschaft mehr sind. Der Direktor verkündet nun im April 1938 auch Trude, dass sie im kommenden Schuljahr nicht mehr an der Schule erwünscht sei.
Vorerst besucht sie nun auch die „Jüdische Abteilung“ an der ehemaligen Osterfeldschule und trifft dabei auf viele bekannte Gesichter. Vier Monate später werden ihr und den anderen erneut vor Augen geführt, was es nun bedeutet, in Deutschland als Mensch jüdischen Glaubens zu leben: Das NS-Regime führt Zwangsvornamen ein, die Jüdinnen und Juden als Namenszusatz tragen müssen. Ida, Edith, Trude und Lilli heißen nun mit Zweitvornamen „Sara“, Männer werden jetzt „Israel“ genannt. Zusätzlich gebrandmarkt werden sie kurze Zeit später: Ihre Reisepässe werden mit einem [highlight snippet=“7238″]„J“ für „Jude“[/highlight] versehen.

Hedwig Davids Ausweis •[highlight snippet=“9798″]Q[/highlight]
Sie fragen sich, was eigentlich noch Schlimmeres kommen kann, als einen Namen tragen zu müssen, der sie als andersartig stigmatisiert.
Im September verkünden die Nazis neue [highlight snippet=“6970″]Gesetze[/highlight]. Sie legen fest, dass Bürgerrechte nur noch für diejenigen gelten, die im Sinne der Nationalsozialisten als „Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes“ gelten. Jüdische Bürgerinnen und Bürger verlieren dadurch jeglichen Schutz durch die Bürgerrechte, Ehen zwischen „Nichtjuden“ und Juden sind jetzt offiziell verboten und das Wahlrecht wird ihnen aberkannt. Auch in den Schulen tut sich was. Ein neues Schulfach kommt dazu. Genauer gesagt, das Fach Biologie wird erweitert um „Rassenkunde“. Jetzt bekommen es die jüdischen Schülerinnen auch im Unterricht schriftlich bestätigt, dass sie Menschen zweiter Klasse sind. Und für [highlight snippet=“6797″]Ida[/highlight] folgt der nächste Schock: [highlight snippet=“7143″]Herr Ascher[/highlight] muss gehen – endgültig. Diesmal ist es nicht nur ein Gerücht. Er ist vom einen auf den anderen Tag einfach weg.
Der neue Mathelehrer heißt nun Müller. Das war’s mit Idas Lieblingsfach. Ihre Noten werden schlechter. Auch ihre Eltern können nicht verstehen, warum sie plötzlich schlechte Noten in Mathematik nach Hause bringt.
Nach diesen neuen Gesetzen spürt Ida die Besorgnis ihrer Eltern, auch wenn sie versuchen, das vor ihr zu verbergen. Was Ida jedoch zwangsläufig nicht entgeht: Die Haushaltshilfe der Familie muss nach der neuen Gesetzeslage auch gehen. In den letzten Jahren waren es immer junge Frauen aus der Pforzheimer Umgebung, die Ida sehr mochte. Vor allem sonntags ging sie gelegentlich mit ihnen nach Hause. Das war eine tolle Abwechslung.
Ida, Lilli und Trude versuchen an der Hildaschule das Beste aus ihrer Situation zu machen. Halbwegs unbekümmert fühlt es sich für sie nur an, wenn sie sich mit ihren jüdischen Freunden in ihrer Freizeit treffen.
Kurz vor Schuljahresende im April beginnt der Schultag für Ida wie jeder andere. Doch plötzlich ruft Direktor Kinkel alle jüdischen Mädchen zu sich. Sie sind verunsichert und fragen sich, was jetzt kommt. Dr. Kinkel macht ihnen klar, dass sie im nächsten Schuljahr nicht mehr an der Hildaschule erwünscht seien. Ida ist am Boden zerstört. Was macht ein 16-jähriges Mädchen ohne Schule? Was ihr kurzzeitig Hoffnung macht, ist die Aufnahme in die Frauenarbeitsschule. Aber auch hier ist es nach den Sommerferien das gleiche Spiel. Sie solle nicht mehr kommen, wird ihr gesagt. Ida ist verzweifelt. Genauso wie ihre Freundin Ellen weiß sie nicht, was sie machen soll. Ihren Vätern gelingt es irgendwie, [highlight snippet=“8065″]Devisen[/highlight] zu beschaffen. Das gibt ihnen die Chance auf eine neue Schule, allerdings in der Schweiz. [highlight snippet=“10272″]“Professor Busers Töchterinstitut“[/highlight] nennt sie sich. Für die beiden Mädchen bedeutet das Abschiednehmen von der Heimat. In Teufen in der Nähe von Sankt Gallen beginnt für sie ein neuer Lebensabschnitt.

Das Töchterinstitut in Teufen •[highlight snippet=“10269″]Q[/highlight]
Eine gute Schule – streng, aber gut. Das Schlafzimmer teilt sich Ida mit einer Französin und einer Engländerin. Das hilft ihr beim Sprachenlernen, denn sie müssen sich jeden Tag in einer anderen Sprache unterhalten. So bekommt Idas Französisch einen Marseiller Akzent, ihre neuen Freundinnen lernen dafür „Pforzheimerisch“. Der Besuch der neuen Schule ist für Ida wie eine andere Welt. Eines Tages ist die Engländerin sehr aufgeregt, als ihr [highlight snippet=“10622″]König abdankt[/highlight], um eine Amerikanerin zu heiraten. Ihre französische Freundin Noelle kommt sogar einmal in den Ferien zu Besuch nach Pforzheim. Was Ida außerdem auffällt: Auch an der neuen Schule behandeln sie im Geschichtsunterricht moderne europäische Geschichte, genau wie letztes Jahr an der Hilda, allerdings von einer anderen Perspektive aus und somit komplett anders.
An der Hildaschule spitzt sich die Situation weiter zu. Noch ist es den jüdischen Schülerinnen per Gesetz nicht verboten, die Schule zu besuchen, aber der Druck wird immer größer. Im Laufe des Schuljahres 1936 geben weitere Schülerinnen dem Druck nach und verlassen sie: darunter [highlight snippet=“6959″]“Lilo“ Krieg[/highlight] und [highlight snippet=“6960″]Herta Levy[/highlight]. Wahrscheinlich hielten sie es einfach nicht mehr aus. Für einige heißt das, dass sie ab Herbst in einer speziell eingerichteten „Judenschule“ unterrichtet werden. Die Nazis möchten jüdische Kinder aus den öffentlichen Schulen „entfernen“. Im Herbst wird auch in Pforzheim eine solche Schule eingerichtet. Die sogenannte „Jüdische Abteilung“ an der Hindenburgschule ist nichts anderes als ein Schulghetto, in dem die jüdischen Schülerinnen und Schüler von den anderen getrennt unterrichtet werden. Es gibt gesonderte Eingänge. Die Pausen sind zeitlich versetzt. Die Ausgestoßenen sollen mit den „volksdeutschen“ Schülern nicht mehr in Kontakt kommen.

Hindenburgschule (heute Osterfeldschule) •[highlight snippet=“9777″]Q[/highlight]
Unterrichtet werden sie von der jüdischen Lehrerin [highlight snippet=“6851″]Hedwig David[/highlight], die früher mal Hilfslehrerin an der Hildaschule war. Idas Bruder [highlight snippet=“6961″]Hans[/highlight] ist auch seit Kurzem an der Schule, gemeinsam mit seinen Freunden [highlight snippet=“6962″]Karl Landau[/highlight] und [highlight snippet=“6963″]Bernd Kahn[/highlight]. Er findet Frau David ziemlich streng, aber sie ist sehr darum bemüht, den Schülern etwas beizubringen. Die andere Klasse wird von Frau Halberstadt unterrichtet, Religionsunterricht gibt Herr Marx. Auch Lilo besucht nun das „Schulghetto“ und trifft dort ihre Freundin [highlight snippet=“6967″]Herta Dreifuss[/highlight] wieder. Herta hatte kurzzeitig überlegt, sich an der Hildaschule anzumelden. Aber wie auch Lore Hirsch hatte sie gehört, wie man dort mit den jüdischen Kindern umgeht, und sich dagegen entschieden. Alle teilen inzwischen ähnliche Erfahrungen. Aber für die meisten ist am schlimmsten, dass sich selbst einstige Freunde von ihnen abwenden. Herta hatte das erst kürzlich bei einem Kinobesuch gemerkt, als sie ihre eigentlich „beste“ Freundin traf. Auch [highlight snippet=“6968″]Ursula[/highlight] tut es besonders weh. Ihre Freundinnen wollen auf einmal nichts mehr mit ihr zu tun haben.
Auch wenn es traurig ist, als „Verstoßene“ an der Hindenburgschule unterrichtet zu werden, so gibt es doch einen gewissen Schutz. Die Schülerinnen und Schüler sind nicht mehr täglich den Anfeindungen ausgesetzt und es entsteht ein Gemeinschaftsgefühl, das einem irgendwie auch Kraft gibt in dieser Zeit.
Klassenfoto „Jüdische Abteilung“ •[highlight snippet=“9778″]Q[/highlight]
Die zunehmenden Diskriminierungen und Schikanen verschärfen natürlich auch die Diskussionen in den jüdischen Familien: Auswandern oder bleiben? Auch bei Ullmanns sprechen vor allem [highlight snippet=“6806″]Trudes[/highlight] Eltern immer wieder darüber. Die treibende Kraft ist ihre [highlight snippet=“6984″]Mutter[/highlight]. Ihr Onkel lebt bereits seit Anfang der 1930er Jahre in den USA. Er könnte vielleicht helfen, ein Visum zu beschaffen. Doch [highlight snippet=“6983″]Salli[/highlight] entgegnet dann immer, dass die Nazis sich nicht mehr lange halten würden. Außerdem ist er [highlight snippet=“7287″]Kriegsveteran[/highlight] und Träger des [highlight snippet=“6852″]Eisernen Kreuzes[/highlight]. Das werde ihm sein Land nicht vergessen. Das könnten auch die Nazis nicht ignorieren.
Das Schuljahr 1934/35 beginnt für die Hildaschülerinnen mit dem Fahnenappell in der Nordturnhalle. Die Atmosphäre hat sich im Vergleich zum Vorjahr stark gewandelt. In der Lehrerschaft hat sich einiges getan. Es gibt viele neue Gesichter und [highlight snippet=“6923″]Frau Funt[/highlight] und [highlight snippet=“6925″]Frau Ganz[/highlight] sind plötzlich weg. Auch für [highlight snippet=“6795″]Edith[/highlight] ist 1934 Schluss. Mit ihrem Austritt aus der Schule endet auch ihr beruflicher Traum. Aufgrund ihrer Begeisterung für Fremdsprachen wollte sie eigentlich Dolmetscherin werden. Jetzt orientiert sie sich angesichts der Umstände neu. Nach einer Weile findet sie eine [highlight snippet=“10710″]Au-pair-Stelle[/highlight] in der französischen Schweiz. So hat sie zumindest eine Aufgabe und kann gleichzeitig ihr Französisch verbessern.
Für [highlight snippet=“6797″]Ida[/highlight] setzt sich das fort, was sie schon in den vergangenen Monaten immer deutlicher wahrgenommen hat. Die Feindseligkeiten ihr gegenüber laufen aber weitgehend unterschwellig ab.
Es gibt jedoch auch gute Nachrichten. Ein „Neuzugang“: [highlight snippet=“6798″]Trude[/highlight] ist jetzt auch an der Hildaschule. Immerhin ist sie nicht die einzige Jüdin. Mit ihrer besten Freundin [highlight snippet=“9982″]Beate[/highlight] besucht sie dieselbe Klasse. Und da Beates ältere Schwestern Lore und Edith schon an der Hilda sind und somit quasi „alte Hasen“, findet sie sich schnell zurecht.
Trude 1934 •[highlight snippet=“9762″]Q[/highlight]
[highlight snippet=“6798″]Trude[/highlight] lebt mit ihren Eltern [highlight snippet=“6983″]Salli[/highlight] und [highlight snippet=“6984″]Frieda[/highlight] und Schwester [highlight snippet=“6985″]Erna[/highlight] in der Zerrennerstraße 13. Sie wohnen in einer geräumigen, gemütlich eingerichteten Mietswohnung mit einem schönen Balkon. Nicht weit entfernt befindet sich das UfA-Kino. Es ist die absolute Attraktion in Pforzheim und lockt Besucher aus der ganzen Region an. Beim Blick aus dem Fenster kann Trude auch die Synagoge sehen. Trudes Vater Salli verdient sein Geld mit Eisenwaren und betreibt ein Fachgeschäft, in dem auch ihre Mutter mitarbeitet. Außerdem singt er im Synagogenchor. Aufgewachsen ist er in [highlight snippet=“8090″]Haigerloch[/highlight], Mutter Frieda lebte als Kind zeitweise im Elsass. Deshalb wechseln Trude, Erna und Frieda zu Hause nach Lust und Laune zwischen Deutsch und Französisch. Da ist Salli dann allerdings raus. Generell achtet Mutter Frieda auf eine [highlight snippet=“8062″]koschere[/highlight] Küche, aber wenn die Kinder außer Haus sind, nimmt sie es nicht so streng. Wenn Trude beispielsweise bei ihrer nicht-jüdischen Freundin Elfriede Ritz zum Essen ist, isst sie eigentlich alles außer Schweinefleisch.
Bei Ullmanns herrscht ein liebevoller Umgang. Es wird gerne über alle möglichen Themen diskutiert. Die Eltern interessieren sich sehr für das Weltgeschehen. Auf dem Tisch liegen immer mehrere Zeitungen, darunter mindestens eine Pforzheimer Tageszeitung. Und vor allem die [highlight snippet=“6833″]“Berliner Illustrirte“[/highlight] darf nicht fehlen. Die liest vor allem Salli gerne.

Familie Ullmann •[highlight snippet=“9762″]Q[/highlight]
Das neue Schuljahr wird seelisch belastender. [highlight snippet=“6797″]Ida[/highlight], [highlight snippet=“6798″]Trude[/highlight] und die anderen jüdischen Mädchen dürfen nicht mehr mit den [highlight snippet=“10610″]“arischen“[/highlight] Schülerinnen in einer Reihe sitzen. Sie werden nun auf die hinteren Bänke abgeschoben. Einige Lehrer ignorieren sie und nehmen sie im Unterricht auch nicht mehr dran. Was aber Ida besonders trifft: In den Pausen reden die meisten anderen Schülerinnen nicht mehr mit ihr und gehen ihr aus dem Weg. Die meisten Mädchen dürfen nicht mehr mit ihr spielen. Idas Freundin [highlight snippet=“6931″]Annemarie[/highlight] ist sehr traurig darüber, aber sie kann ja nichts dagegen tun.
Für Ida gibt es trotz allem Schrecklichen aber auch kleine Lichtblicke in der Schule. Nämlich dann, wenn Literatur und Kunstgeschichte auf dem Plan stehen. Der Lehrer zeigt gerne Bilder, die für die Nazis eigentlich [highlight snippet=“6834″]„entartete Kunst“[/highlight] sind. Er scheint also kein Nazi zu sein. Ida gefällt das. Seitdem liebt sie die [highlight snippet=“10612″]Impressionisten[/highlight] und [highlight snippet=“10614″]Expressionisten[/highlight]. Die Ferien und auch manche Wochenenden verbringen Ida und ihr Bruder [highlight snippet=“6961″]Hans[/highlight] häufig bei den Großeltern in [highlight snippet=“10106″]Rülzheim[/highlight]. Das Spielen auf dem Land ist für sie das Größte.
Am 2. August 1934 herrscht auf einmal Trauerbeflaggung in der Stadt. Reichspräsident Paul von Hindenburg ist tot. Wer wird jetzt neben Adolf Hitler der zweite „starke Mann“ in Deutschland?



Paul von Hindenburg (Bild: Bundesarchiv •[highlight snippet=“9766″]Q[/highlight])
Es dauert nicht lange, dann wird klar, dass es keinen neuen Reichspräsidenten geben wird. Reichskanzler Adolf Hitler lässt nun auch die Macht des Präsidentenamtes auf sich übertragen.
In Pforzheim gibt es im November nochmal hohen Besuch. [highlight snippet=“7283″]Gauleiter[/highlight] [highlight snippet=“10786″]Robert Wagner[/highlight] besucht die Goldstadt und begrüßt die „Alte Garde“ der Pforzheimer Parteigenossen. Die „alten Kämpfer“ ziehen zuvor in einem Aufmarsch durch die Stadt und treffen anschließend zum [highlight snippet=“9270″]Appell[/highlight] auf dem Marktplatz ein.


[highlight snippet=“10786″]Robert Wagner[/highlight] auf dem Marktplatz •[highlight snippet=“9771″]Q[/highlight]
Die schleichenden Veränderungen setzen sich auch in den folgenden Monaten fort. Ida und Trude wie auch die anderen Pforzheimerinnen und Pforzheimer mit jüdischen Wurzeln bemerken das sehr genau. Unabhängig davon, ob sie traditionell ihren jüdischen Glauben leben, regelmäßig in die Synagoge gehen oder sehr liberal eingestellt sind, alle sind betroffen. Alle nehmen die Veränderungen wahr, beispielsweise in der Schule, in der die Religionsklassen bei [highlight snippet=“6784″]Herrn Marx[/highlight] immer kleiner werden. Schon 1933 haben [highlight snippet=“6934″]Ella[/highlight] und ihre Schwester Ruth die Hildaschule verlassen. Wenig später dann auch auch die Nathan-Schwestern [highlight snippet=“6835″]Ilse[/highlight] und [highlight snippet=“6836″]Edith[/highlight]. Auch [highlight snippet=“6837″]Familie Grünbaum[/highlight] wandert nach Frankreich aus. 1934 dann [highlight snippet=“6838″]Hannelore[/highlight] nach Antwerpen und [highlight snippet=“6839″]Ilse[/highlight] nach Palästina. Auch Idas Freundin [highlight snippet=“6840″]Ellen[/highlight] hält den Druck nicht mehr aus und verlässt die Hildaschule.
Das Jahr 1935 beginnt, wie das alte endete: Die Ausgrenzungen zeigen sich manchmal ganz offen, meistens aber sehr [highlight snippet=“10619″]subtil[/highlight]. Im Frühjahr trifft sich die Pforzheimer Bevölkerung allerdings gut gelaunt im [highlight snippet=“10789″]Arlinger[/highlight], wo der diesjährige Kinderfestumzug durch die Straßen zieht.
Zu Beginn des Schuljahres 1935/36 besuchen nur noch zehn jüdische Schülerinnen die Hildaschule. Sie haben sich bisher nicht dem Druck gebeugt und bleiben weiterhin, auch wenn sie Außenseiterinnen sind. Alternativen gibt es für die meisten ohnehin kaum. Und dennoch gehen weitere Schülerinnen: [highlight snippet=“6841″]Ruth Süßmann[/highlight], [highlight snippet=“6842″]Susanne Wolf[/highlight], [highlight snippet=“6843″]Trude Marx[/highlight] und einige andere. Das Gleiche hört man auch vom [highlight snippet=“7281″]Reuchlin-Gymnasium[/highlight] und der [highlight snippet=“6844″]Friedrich-Oberrealschule[/highlight].
Es gibt allerdings auch einen Neuzugang: [highlight snippet=“6808″]Lilli Braun[/highlight] ist jetzt an der Hilda. Doch sie merkt schnell, dass sie nicht willkommen ist. Lilli war noch im Jahr zuvor an der [highlight snippet=“10708″]Hindenburgschule[/highlight]. Der Wechsel an die höhere Schule sollte eigentlich ein Neuanfang sein und Lilli freute sich darauf. Vor allem der Schulweg ist jetzt noch kürzer. Mit den Eltern [highlight snippet=“6991″]Philipp[/highlight] und [highlight snippet=“6990″]Marta[/highlight] und ihrem Bruder [highlight snippet=“6988″]Edgar[/highlight] wohnt sie in der Güterstraße 5. Sie muss morgens nur durch die Bahnunterführung und ist schon da. In der Nachbarschaft wohnt seit diesem Jahr auch [highlight snippet=“6951″]Familie Peritz[/highlight]. Lilli kennt die drei Schwestern [highlight snippet=“6846″]Liese[/highlight], [highlight snippet=“6847″]Margarete[/highlight] und [highlight snippet=“6848″]Eleonore[/highlight] aus der jüdischen Gemeinde. Liese und Margarete waren früher auch mal an der Hilda, aber sie sind wesentlich älter und arbeiten schon.
Lillis Vater ist zusammen mit ihrem Großvater Moritz an einer [highlight snippet=“7282″]Bijouteriefabrik[/highlight] beteiligt. Ihr älterer Bruder Edgar besucht seit letztem Jahr das [highlight snippet=“7281″]Reuchlin-Gymnasium[/highlight].



Philipp, Edgar und Marta Braun •[highlight snippet=“9773″]Q[/highlight]
Auch wenn [highlight snippet=“6724″]Edith[/highlight], [highlight snippet=“6797″]Ida[/highlight], [highlight snippet=“6808″]Lilli[/highlight] und [highlight snippet=“6799″]Trude[/highlight] nicht das ganze Ausmaß der judenfeindlichen Politik begreifen, so bemerken sie doch, dass es immer mehr Einschränkungen für sie gibt. Man hört die Erwachsenen darüber sprechen. Was sehr kontrovers diskutiert wird, ist die Frage „Gehen oder bleiben?“ Manche sprechen sich dafür aus, nach Palästina auszuwandern, um dort unter Gleichgesinnten sicher vor der Verfolgung zu sein. Andere lehnen diese Idee kopfschüttelnd ab. Sie sehen hier ihre Heimat und hoffen auf ein baldiges Ende der Hitler-Regierung. So sieht es auch Idas Vater. [highlight snippet=“6986″]Salomon[/highlight] weigert sich, aus seinem Heimatland auszuwandern und alles hinter sich zu lassen. Meistens werden diese Themen aber nur hinter vorgehaltener Hand besprochen. Die Kinder sollen möglichst nicht beunruhigt werden. Vieles lässt sich aber einfach nicht verheimlichen. Insbesondere da die jüdische Gemeinde in Pforzheim immer weiter schrumpft. Wenn auch schweren Herzens versuchen einige ein [highlight snippet=“6849″]Auslandsvisum[/highlight] und eine Arbeitsstelle zu bekommen, wenn sie die Möglichkeit dazu haben. Manchen bleibt gar nichts anderes übrig, da sie in Deutschland nicht mehr ihren erlernten Beruf ausüben dürfen: Juden dürfen z.B. kein Rechtsanwaltsbüro mehr führen. Die meisten jüdischen Beamten wurden bereits aus dem Staatsdienst entlassen. Auch jüdische Arbeiter und Angestellte dürfen nicht mehr bei Behörden arbeiten. Ein Teil der Ärzteschaft ist ebenso aus dem Berufsleben verdrängt worden oder wird von Nicht-Juden gemieden.
Trotz der Einschränkungen gibt es natürlich die traditionellen Feiern und Anlässe der jüdischen Gemeinde, die man sich nicht nehmen lassen will. Am 7. Juni hält ein Gruppenfoto hinter der Synagoge den Moment nach einer [highlight snippet=“6850″]Bat-Mizwa-Feier[/highlight] fest: für Susanne, Herta, Edith, Lore, Ruth und Ellen ein besonderer Tag.
Im Hof der Synagoge •[highlight snippet=“9775″]Q[/highlight]
Die gemeinsamen Feiern sorgen für ein Zusammengehörigkeitsgefühl und blenden für kurze Momente den Alltag aus. Doch manche befürchten, dass es noch schlimmer kommen wird.
Seit 1930 geht [highlight snippet=“6797″]Ida[/highlight] nun schon in die Hildaschule. Sie geht gerne hin und weiß, dass es etwas Besonderes für Mädchen ist, eine [highlight snippet=“9176″]Oberrealschule[/highlight] zu besuchen. In den Pausen vertreibt sich Ida meistens die Zeit mit ihren Klassenkameradinnen [highlight snippet=“6839″]Ilse Lasser[/highlight] und [highlight snippet=“6931″]Annemarie Eißenlöffel[/highlight]. Manchmal sind auch Ilse Landau und Ilse Nathan mit dabei.
Schuljahr 1933/34 •[highlight snippet=“9755″]Q[/highlight]• Zur Bildergalerie Hildaschule
[highlight snippet=“6797″]Ida[/highlight] wohnt mit ihren Eltern [highlight snippet=“6986″]Salomon[/highlight] und [highlight snippet=“6987″]Eugenie[/highlight] und ihrem jüngeren Bruder [highlight snippet=“6961″]Hans[/highlight] in der [highlight snippet=“6712″] Hohenzollernstraße 88[/highlight] in einer schönen Wohnung mit einem großen Wohnzimmer und vier Schlafzimmern.
Überhaupt geht es der Familie gut. Salomon führt gemeinsam mit seinem Bruder Jakob eine [highlight snippet=“6716″] Eisenhandlung [/highlight] in der Güterstraße. Beide sind große [highlight snippet=“6717″]Patrioten[/highlight]. Sie haben – wie ihre fünf Brüder – im [highlight snippet=“9466″]Weltkrieg[/highlight] für Deutschland gekämpft. Salomon wurde 1915 durch einen Maschinengewehrschuss ins Bein verwundet. Die Kriegserfahrungen prägen ihn bis heute. Auch Mutter Eugenie hat als Hilfskrankenschwester im Krieg gearbeitet.
Bevor Idas Bruder zur Welt kam, war Ida jahrelang die einzige Enkeltochter in der Familie und dementsprechend wurde sie auch verwöhnt. Zu Hause führen die Bensingers ein traditionelles jüdisches Leben, aber keinesfalls ein [highlight snippet=“6722″]orthodoxes[/highlight] wie die Großeltern. Besonders gefallen Ida die stimmungsvollen Feiern wie das [highlight snippet=“6723″]Pessach-Fest[/highlight], an dem die ganze Familie zusammensitzt und Lieder singt.
„Idel“, wie ihre Freundinnen sie nennen, trifft sich in ihrer Freizeit gerne mit Fritz Nachmann. Er ist Schüler am Reuchlin-Gymnasium. Sie mag ihn sehr. Ansonsten unternimmt sie gerne was mit Ellen. Sie geht auch in die Hildaschule und ihr Vater, Dr. Roos, ist der Hausarzt der Bensingers.


[highlight snippet=“6795″]Edith[/highlight] ist in Idas Parallelklasse. Meistens geht sie gerne zur Schule. Sie ist fleißig und interessiert sich sehr für Fremdsprachen.
Edith auf einem Klassenfoto 1933 •[highlight snippet=“9853″]Q[/highlight]
Nach Schulschluss schlendert Edith über den Leopoldplatz in Richtung Westliche mit ihren prächtigen Häuserfassaden – vorbei am Kaufhaus Schocken, Schauers Schuhaus und dem Bekleidungsgeschäft [highlight snippet=“10605″]Krüger & Wolff[/highlight], deren Inhaber auch Mitglieder der jüdischen Gemeinde sind. Ediths Schulweg ist kurz, wohnt sie doch mit ihrer Familie am Marktplatz 3.


Marktplatz (Bilder: Haus der Geschichte BW • [highlight snippet=“9713″]Q[/highlight])
Gemeinsam mit ihren Eltern [highlight snippet=“6981″]Sophie[/highlight] und [highlight snippet=“6980″]Salomon[/highlight] und ihrem Bruder [highlight snippet=“6982″]Leopold Wolf[/highlight] haben sie dort im ersten Stock eine schöne Wohnung, direkt über dem Schuhhaus Hansa. Sie ist gutbürgerlich eingerichtet, mit schönen Teppichen und Möbeln aus schwerem, schwarzem Holz. In einer Art Vitrine mit Glastüren hat ihre Mutter verschiedene Silbergegenstände quasi zur Besichtigung ausgestellt. Edith nennt sie den „Silberschrank“. Vor allem auf das Speisezimmer sind die Eltern stolz: altdeutsche Möbel mit einer Anrichte, einem großen Tisch und schönen Sesseln. Ebenso gehören zur Einrichtung eine teure „Singer“-Nähmaschine und Ediths [highlight snippet=“7140″]Grammophon[/highlight] mit Plattenschrank. Und Herrn Rosenblüths ganzer Stolz darf nicht fehlen: eine beeindruckende Bibliothek mit sämtlichen deutschen Klassikern. Vom Wohnzimmer aus hat die Familie einen schönen Blick über den Pforzheimer Marktplatz direkt auf das Kaufhaus [highlight snippet=“6730″]“Geschwister Knopf“[/highlight].

Familie Rosenblüth am Leopoldplatz (Ende der 1920er Jahre) •[highlight snippet=“9756″]Q[/highlight]
Das gutbürgerliche Leben ermöglicht es Edith, zweimal die Woche Klavierstunden zu nehmen. Und jedes Jahr fahren die Rosenblüths in einen der nahe gelegenen Kurorte. In Bad Liebenzell, Bad Wildbad oder auf dem Dobel verbringen sie ihren Erholungsurlaub.
Interaktive Karte „Stadtansichten“
Dienstag, 31. Januar 1933. Ida ist zu Hause. Ihr Vater [highlight snippet=“6986″]Salomon[/highlight] sitzt am Esstisch und liest Zeitung. Sie hört, wie er zwischendurch ihrer [highlight snippet=“6987″]Mutter[/highlight] etwas zuflüstert. Die Stimmung ist irgendwie seltsam, Ida macht sich aber keine weiteren Gedanken.



In den nächsten Tagen reden in der Schule einige über diesen Herrn Hitler und auch über die Schlägereien, die es am Vortag gegeben hat. In der Holzgartenstraße soll es zu einer regelrechten Straßenschlacht gekommen sein. Dort haben Nazigegner gegen die Machtübergabe an die Nazis protestiert. Ein großer Fackelzug der [highlight snippet=“6731″]SA[/highlight] und des [highlight snippet=“6732″]Stahlhelms[/highlight] hat dann die Protestierenden aufgemischt. Anhänger beider Gruppen sind zum Teil schwer verletzt worden.
[highlight snippet=“6797″]Ida[/highlight] und [highlight snippet=“6795″]Edith[/highlight] hören die Erwachsenen über die Nazis reden. Viele glauben, dass Hitlers Leute nicht lange an der Regierung sind. Schließlich gibt es schon seit Jahren ständig Regierungswechsel. Neue Reichskanzler sind also inzwischen der Normalzustand. Bald soll auch der Reichstag neu gewählt werden. Zwar gab es im letzten Jahr schon zwei Mal Reichstagswahlen, aber irgendwie scheint das nicht genug gewesen zu sein. Am Abend kommt noch Fritz‘ Vater, [highlight snippet=“6733″]Herr Nachmann[/highlight], zu Besuch. Er trifft sich gelegentlich mit Idels Vater zum Skatspielen. Auch an diesem Abend wird beim Kartenspielen über Politik geredet.
Der Reichstag in Berlin brennt! Wie die Pforzheimer Rundschau und das Morgenblatt am 28. Februar berichten, soll am Vortag der Sitz des Parlaments laut NS-Führung von einem Kommunisten angezündet worden sein. 20 Brandherde soll es im Gebäude gegeben haben. Ein [highlight snippet=“7141″]ausländischer Kommunist[/highlight] wurde verhaftet und gilt als Hauptverdächtiger. Im Radio hält daraufhin der neue Reichsminister Hermann Göring eine Ansprache:
Am 5. März ist es nun so weit: Der [highlight snippet=“7142″]Reichstag[/highlight] wird gewählt. Die Bensingers und Rosenblüths geben ihre Stimme ab. Auch Idas Mathelehrer [highlight snippet=“7143″]Professor Ascher[/highlight] geht wählen. Die Ergebnisse der Reichstagswahlen sind für die Nationalsozialisten schlechter als erhofft. Trotz aufwendiger Propaganda und der Terrormaßnahmen im Zusammenhang mit der „Reichstagsbrandverordnung“ haben sie mit 43,9 Prozent der Stimmen nicht die absolute Mehrheit erreicht. Nur zusammen mit den Stimmen der [highlight snippet=“6736″]Deutschnationalen (DNVP)[/highlight] kommen sie als Regierungskoalition auf 51,8 Prozent. In Pforzheim hingegen fahren die Nazis einen furiosen Sieg ein. 57,5 Prozent der Wahlberechtigten geben der [highlight snippet=“6749″]NSDAP[/highlight] ihre Stimme. Die Deutschnationalen erhalten 6,6 %, [highlight snippet=“6737″]SPD[/highlight] 13 %, [highlight snippet=“6739″]KPD[/highlight] 12,3 % und das [highlight snippet=“6738″]katholische Zentrum[/highlight] landet mit 6,1 % abgeschlagen auf dem fünften Platz.

Wahlergebnisse Pforzheim (Zum Vergleich mit dem Gesamtergebnis)
In den nächsten Wochen verändert sich die Stimmung in Pforzheim spürbar. Immer mehr Menschen sind auf einmal auf der Seite der Nazis. Ständig sieht man den „Hitlergruß“, man hört die Heil-Rufe auf fast jeder Veranstaltung und auch in der Öffentlichkeit. Hakenkreuzflaggen gehören jetzt zum Stadtbild Pforzheims. Auch Ida und Edith finden manche Dinge seltsam. Manche Menschen werfen ihnen nur misstrauische Blicke zu, andere wechseln beim Aufeinandertreffen die Straßenseite. Und immer häufiger hören sie auch judenfeindliche Äußerungen. Als sie in dieser Woche in die Schule gehen, ist vor der Hildaschule die neue Fahne gehisst. Ihnen fallen aber auch noch andere Dinge auf: Die Nordstadt-Schule heißt auf einmal Adolf-Hitler-Schule, die Brötzinger Schule wird zur Goebbels-Schule, die Osterfeldschule wird in Hindenburgschule umbenannt. In den Klassenzimmern hängt jetzt ein Bild des „Führers“. Kommt der Lehrer ins Zimmer, müssen alle aufstehen und den Hitler-Gruß machen. Am Anfang hält sich nicht jeder Lehrer an die Vorgabe. Im Religionsunterricht bei Herrn Marx spüren die jüdischen Schülerinnen von diesen Regelungen noch nichts. Er ist nicht nur ihr Religionslehrer, sondern auch [highlight snippet=“6743″]Kantor[/highlight] der jüdischen Gemeinde.

Hermann Marx mit Selma und Tochter Trude •[highlight snippet=“9846″]Q[/highlight]
Freitag, 24. März: Idas [highlight snippet=“6986″]Vater[/highlight] liest Zeitung. Am Vortag wurde ein „Ermächtigungsgesetz“ vom Reichstag beschlossen. Anscheinend haben nur die [highlight snippet=“6737″]Sozialdemokraten[/highlight] dagegen gestimmt. Ida versteht nicht wirklich, was das bedeutet.
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