Kapitel 1

Ein „Herr Hitler“

Seit 1930 geht Ida nun schon in die Hildaschule. Sie geht gerne hin und weiß, dass es etwas Besonderes für Mädchen ist, eine Oberrealschule zu besuchen. In den Pausen vertreibt sich Ida meistens die Zeit mit ihren Klassenkameradinnen Ilse Lasser und Annemarie Eißenlöffel. Manchmal sind auch Ilse Landau und Ilse Nathan mit dabei.

Dr. ASCHER
Fritzmartin Ascher (*22.9.1895 in Mannheim) wohnt in der Schwarzwaldstraße 166. Er ist jüdischen Glaubens.
ILSE LASSER
Ilse (*11.9.1918 in Pforzheim) wohnt in der Unteren Augasse 5. Sie ist jüdischen Glaubens.
IDA BENSINGER
Ida (*4.3.1920 in Pforzheim) wohnt in der Hohenzollernstraße 88.
ILSE LANDAU
Ilse (*22.5.1921 in Pforzheim) wohnt in der Ludwig-Wilhelm-Straße 12. Sie ist jüdischen Glaubens.

Schuljahr 1933/34 •QZur Bildergalerie Hildaschule

Ida wohnt mit ihren Eltern Salomon und Eugenie und ihrem jüngeren Bruder Hans in der Hohenzollernstraße 88 in einer schönen Wohnung mit einem großen Wohnzimmer und vier Schlafzimmern.

Überhaupt geht es der Familie gut. Salomon führt gemeinsam mit seinem Bruder Jakob eine Eisenhandlung in der Güterstraße. Beide sind große Patrioten. Sie haben – wie ihre fünf Brüder – im Weltkrieg für Deutschland gekämpft. Salomon wurde 1915 durch einen Maschinengewehrschuss ins Bein verwundet. Die Kriegserfahrungen prägen ihn bis heute. Auch Mutter Eugenie hat als Hilfskrankenschwester im Krieg gearbeitet.

Bevor Idas Bruder zur Welt kam, war Ida jahrelang die einzige Enkeltochter in der Familie und dementsprechend wurde sie auch verwöhnt. Zu Hause führen die Bensingers ein traditionelles jüdisches Leben, aber keinesfalls ein orthodoxes wie die Großeltern. Besonders gefallen Ida die stimmungsvollen Feiern wie das Pessach-Fest, an dem die ganze Familie zusammensitzt und Lieder singt. 

„Idel“, wie ihre Freundinnen sie nennen, trifft sich in ihrer Freizeit gerne mit Fritz Nachmann. Er ist Schüler am Reuchlin-Gymnasium. Sie mag ihn sehr. Ansonsten unternimmt sie gerne was mit Ellen. Sie geht auch in die Hildaschule und ihr Vater, Dr. Roos, ist der Hausarzt der Bensingers.

Edith ist in Idas Parallelklasse. Meistens geht sie gerne zur Schule. Sie ist fleißig und interessiert sich sehr für Fremdsprachen.

TRUDE MARX
Trude (*18.5.1920 in Emmendingen) wohnt in der Schwarzwaldstraße 32. Sie ist jüdischen Glaubens.
EDITH ROSENBLÜTH
Edith (*15.12.1919 in Pforzheim) wohnt am Marktplatz 3.

Edith auf einem Klassenfoto 1933 •Q

Nach Schulschluss schlendert Edith über den Leopoldplatz in Richtung Westliche mit ihren prächtigen Häuserfassaden – vorbei am Kaufhaus Schocken, Schauers Schuhaus und dem Bekleidungsgeschäft Krüger & Wolff, deren Inhaber auch Mitglieder der jüdischen Gemeinde sind. Ediths Schulweg ist kurz, wohnt sie doch mit ihrer Familie am Marktplatz 3.

Marktplatz (Bilder: Haus der Geschichte BW • Q)

Gemeinsam mit ihren Eltern Sophie und Salomon und ihrem Bruder Leopold Wolf haben sie dort im ersten Stock eine schöne Wohnung, direkt über dem Schuhhaus Hansa. Sie ist gutbürgerlich eingerichtet, mit schönen Teppichen und Möbeln aus schwerem, schwarzem Holz. In einer Art Vitrine mit Glastüren hat ihre Mutter verschiedene Silbergegenstände quasi zur Besichtigung ausgestellt. Edith nennt sie den „Silberschrank“. Vor allem auf das Speisezimmer sind die Eltern stolz: altdeutsche Möbel mit einer Anrichte, einem großen Tisch und schönen Sesseln. Ebenso gehören zur Einrichtung eine teure „Singer“-Nähmaschine und Ediths Grammophon mit Plattenschrank. Und Herrn Rosenblüths ganzer Stolz darf nicht fehlen: eine beeindruckende Bibliothek mit sämtlichen deutschen Klassikern. Vom Wohnzimmer aus hat die Familie einen schönen Blick über den Pforzheimer Marktplatz direkt auf das Kaufhaus „Geschwister Knopf“.

Familie Rosenblüth am Leopoldplatz (Ende der 1920er Jahre) •Q

Das gutbürgerliche Leben ermöglicht es Edith, zweimal die Woche Klavierstunden zu nehmen. Und jedes Jahr fahren die Rosenblüths in einen der nahe gelegenen Kurorte. In Bad Liebenzell, Bad Wildbad oder auf dem Dobel verbringen sie ihren Erholungsurlaub.

Interaktive Karte „Stadtansichten“

Dienstag, 31. Januar 1933. Ida ist zu Hause. Ihr Vater Salomon sitzt am Esstisch und liest Zeitung. Sie hört, wie er zwischendurch ihrer Mutter etwas zuflüstert. Die Stimmung ist irgendwie seltsam, Ida macht sich aber keine weiteren Gedanken.

In den nächsten Tagen reden in der Schule einige über diesen Herrn Hitler und auch über die Schlägereien, die es am Vortag gegeben hat. In der Holzgartenstraße soll es zu einer regelrechten Straßenschlacht gekommen sein. Dort haben Nazigegner gegen die Machtübergabe an die Nazis protestiert. Ein großer Fackelzug der SA und des Stahlhelms hat dann die Protestierenden aufgemischt. Anhänger beider Gruppen sind zum Teil schwer verletzt worden.

Ida und Edith hören die Erwachsenen über die Nazis reden. Viele glauben, dass Hitlers Leute nicht lange an der Regierung sind. Schließlich gibt es schon seit Jahren ständig Regierungswechsel. Neue Reichskanzler sind also inzwischen der Normalzustand. Bald soll auch der Reichstag neu gewählt werden. Zwar gab es im letzten Jahr schon zwei Mal Reichstagswahlen, aber irgendwie scheint das nicht genug gewesen zu sein. Am Abend kommt noch Fritz‘ Vater, Herr Nachmann, zu Besuch. Er trifft sich gelegentlich mit Idels Vater zum Skatspielen. Auch an diesem Abend wird beim Kartenspielen über Politik geredet.

Der Reichstag in Berlin brennt! Wie die Pforzheimer Rundschau und das Morgenblatt am 28. Februar berichten, soll am Vortag der Sitz des Parlaments laut NS-Führung von einem Kommunisten angezündet worden sein. 20 Brandherde soll es im Gebäude gegeben haben. Ein ausländischer Kommunist wurde verhaftet und gilt als Hauptverdächtiger. Im Radio hält daraufhin der neue Reichsminister Hermann Göring eine Ansprache.

Am 5. März ist es nun so weit: Der Reichstag wird gewählt. Die Bensingers und Rosenblüths geben ihre Stimme ab. Auch Idas Mathelehrer Professor Ascher geht wählen. Die Ergebnisse der Reichstagswahlen sind für die Nationalsozialisten schlechter als erhofft. Trotz aufwendiger Propaganda und der Terrormaßnahmen im Zusammenhang mit der „Reichstagsbrandverordnung“ haben sie mit 43,9 Prozent der Stimmen nicht die absolute Mehrheit erreicht. Nur zusammen mit den Stimmen der Deutschnationalen (DNVP) kommen sie als Regierungskoalition auf 51,8 Prozent. In Pforzheim hingegen fahren die Nazis einen furiosen Sieg ein. 57,5 Prozent der Wahlberechtigten geben der NSDAP ihre Stimme. Die Deutschnationalen erhalten 6,6 %, SPD 13 %, KPD 12,3 % und das katholische Zentrum landet mit 6,1 % abgeschlagen auf dem fünften Platz. 

Wahlergebnisse Pforzheim (Zum Vergleich mit dem Gesamtergebnis)

In den nächsten Wochen verändert sich die Stimmung in Pforzheim spürbar. Immer mehr Menschen sind auf einmal auf der Seite der Nazis. Ständig sieht man den „Hitlergruß“, man hört die Heil-Rufe auf fast jeder Veranstaltung und auch in der Öffentlichkeit. Hakenkreuzflaggen gehören jetzt zum Stadtbild Pforzheims. Auch Ida und Edith finden manche Dinge seltsam. Manche Menschen werfen ihnen nur misstrauische Blicke zu, andere wechseln beim Aufeinandertreffen die Straßenseite. Und immer häufiger hören sie auch judenfeindliche Äußerungen. Als sie in dieser Woche in die Schule gehen, ist vor der Hildaschule die neue Fahne gehisst. Ihnen fallen aber auch noch andere Dinge auf: Die Nordstadt-Schule heißt auf einmal Adolf-Hitler-Schule, die Brötzinger Schule wird zur Goebbels-Schule, die Osterfeldschule wird in Hindenburgschule umbenannt. In den Klassenzimmern hängt jetzt ein Bild des „Führers“. Kommt der Lehrer ins Zimmer, müssen alle aufstehen und den Hitler-Gruß machen. Am Anfang hält sich nicht jeder Lehrer an die Vorgabe. Im Religionsunterricht bei Herrn Marx spüren die jüdischen Schülerinnen von diesen Regelungen noch nichts. Er ist nicht nur ihr Religionslehrer, sondern auch Kantor der jüdischen Gemeinde.

Hermann Marx mit Selma und Tochter Trude •Q

Freitag, 24. März: Idas Vater liest Zeitung. Am Vortag wurde ein „Ermächtigungsgesetz“ vom Reichstag beschlossen. Anscheinend haben nur die Sozialdemokraten dagegen gestimmt. Ida versteht nicht wirklich, was das bedeutet.