Deportation
Nach den Gewaltexzessen der Pogromnacht versuchen die meisten der noch verbliebenen jüdischen Pforzheimer verzweifelt, eine Ausreisemöglichkeit zu finden. Es haben sich nun rund zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung Pforzheims ins Ausland gerettet. Die wenigen, die bleiben, weil sie keine Auswanderungsmöglichkeit haben oder die die Heimat einfach nicht verlassen möchten, leben entrechtet im gesellschaftlichen Abseits. Ein Blick in das Pforzheimer Adressbuch bestätigt die Ausgrenzung schwarz auf weiß. Die druckfrische Ausgabe vom März 1940 weist eine eigene Rubrik aus.


Adressbuch 1940 •Q
Für Trudes Familie hat sich die Hoffnung zerschlagen, dass der Onkel ein Visum für die USA beschaffen kann. Er hatte schon anderen dabei geholfen und kann jetzt nichts mehr tun. Auch für die Rosenblüths und Brauns hat sich bisher keine Fluchtmöglichkeit ergeben. Sie ahnen nicht, dass der 22.Oktober 1940 über ihr Schicksal entscheiden wird. In der Güterstraße 5 klingelt es bei Familie Braun. Vor der Tür steht die Gestapo. Lilli, ihre Mutter Marta und die Großeltern Moritz und Hermine sowie Lillis Onkel Erich werden aufgefordert, innerhalb von zwei Stunden zu packen. Sie dürfen nur 50 Kilo Gepäck sowie höchstens 100 Reichsmark Bargeld mitnehmen. Auf die Fragen „wohin“ oder „warum“ bekommen sie keine Antwort. Auch das nette Ehepaar aus der Nachbarschaft, Herr und Frau Peritz, werden abgeholt. Weitere Fahrzeuge halten vor der Metzgerstraße 17, um Trudes Schwester und die Eltern abzuholen, vor der Sophienstraße 14, wo Ediths Eltern aufgefordert werden mitzukommen, und vor den anderen Häusern der verbliebenen Jüdinnen und Juden. Ausgenommen sind nur diejenigen, die in sogenannten „privilegierten“ Mischehen leben.
In der Luisenstraße 6 sollen auch der Frauenarzt Dr. Rudolf Kuppenheim und seine Frau Lilly abgeholt werden. Das Ehepaar scheint zu ahnen, was ihnen bevorsteht. Anstatt zu packen, holt Herr Kuppenheim seine Kriegsorden aus dem Ersten Weltkrieg und legt sie gut sichtbar auf den Tisch. Anschließend nehmen sie Gift ein. Als die SA-Männer zurückkommen, um sie abzuholen, finden sie sie noch lebend vor. Sie sterben am darauffolgenden Tag im städtischen Krankenhaus.
Familie Kuppenheim •Q• Zum Grabmal
An diesem Tag werden 182 Personen aus Pforzheim verschleppt, 20 weitere, die vorher in Pforzheim gewohnt haben, aus anderen Orten, und 10 Personen aus Königsbach. Die Nazis haben alles akribisch vorbereitet und eine Deportationsliste erstellt.
Interaktive Karte „Versteigerungen“
Die Zugfahrt dauert vier Tage und führt über Karlsruhe, Freiburg, Mühlhausen, Chalons-sur-Saône, Lyon, Toulouse, Lourdes und Pau nach Oloron-Sainte Marie. Von dort werden die Verschleppten in offenen Lastwagen in das Lager Gurs transportiert. Obwohl das Lager kein Vernichtungslager ist, herrschen dort menschenunwürdige Zustände. Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal, die Lebensmittelversorgung ist knapp. Und es steht der Winter bevor. Das Lager versinkt fast im Schlamm, Feuerholz ist kaum vorhanden und auch an der Wasserversorgung mangelt es. Zum Teil frieren die Wasserleitungen ein. Lilli und die anderen Inhaftierten müssen in überfüllten Baracken auf feuchten Strohsäcken oder dem Boden schlafen. Für die kalten Nächte gibt es nur dünne Decken. Und über allem schwebt die Unsicherheit.

Lager Gurs (Bild: United States Holocaust Memorial Museum •Q) • Zum Lagerplan

