Kapitel 2

Boykott

Samstag, 1. April. In der Pforzheimer Innenstadt sind viele Menschen unterwegs und erledigen den Wocheneinkauf. Vor allem am Leopoldplatz, in der Westlichen Karl-Friedrich-Straße und am Marktplatz ist reger Betrieb. Plötzlich rücken SA-Posten in ihren braunen Uniformen an. Sie positionieren sich vor jüdischen Geschäften und stellen Schilder auf mit der Aufschrift „Ein Lump und Volksverräter ist jeder, der heute noch beim Juden kauft.“ Kunden, die dort einkaufen wollen, werden beschimpft. Bereits am Freitagnachmittag gab es eine ähnliche Boykottaktion im Warenhaus Schocken. SA-Männer hatten den Ausgang des Kaufhauses blockiert, andere gingen hinein und forderten Kunden auf, das Kaufhaus zu verlassen.

Vor dem Fotogeschäft von Herrn Rödelsheimer am Schlossberg stehen nach wie vor SA-Posten mit Schildern. Doch der will sich das nicht gefallen lassen. Schließlich ist er stolzer Veteran und hat im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft. Demonstrativ setzt er sich mit seinen Kriegsorden in das Schaufenster. Schon nach kurzer Zeit lockt das eine große Menschenmenge an. Im Schutz der Menge fällt der Satz: „Da steht so ein Rotzjunge von SA-Mann, der allenfalls die Windeln naßmachen konnte, als dieser Mann im Felde war und sich Orden verdiente.“ Die Situation verschärft sich, als weitere SA-Männer dazukommen und drohen, alles kurz und klein zu schlagen. Herr Rödelsheimer verlässt daraufhin das Schaufenster. Doch er gibt sich noch nicht geschlagen. Nach kurzer Zeit kehrt er zurück und befestigt an der Innenseite seines Schaufensters eine bunte Postkarte, auf der Kinder unterschiedlicher Herkunft zu sehen sind. Darunter steht: „Wir sind alle Kinder eines Gottes.“ Es entsteht ein Gedränge, da die umstehenden Passanten sehen wollen, was auf der kleinen Karte geschrieben steht.

Fotoatelier Rödelsheimer •Q• & Innenansicht •Q

Obwohl der Boykott am Abend für beendet erklärt wird, muss allen klar sein, was die Nazis erreichen wollen: Das Leben der jüdischen Bevölkerung soll so unangenehm wie möglich gemacht werden. Vor allem den Geschäftsleuten will man die Kunden wegnehmen. Das entgeht auch Ida und Edith nicht. Das Geschäft von Ediths Vater ist ebenfalls betroffen. Herr Rosenblüth betreibt ein Zigarrengeschäft und befürchtet, dass ihm jetzt die Kunden ausbleiben.

Am selben Tag ist Bismarckfeier zu Ehren des Eisernen Kanzlers und der Reichseinigung. Alle Schülerinnen und die gesamte Lehrerschaft der Hildaschule versammeln sich dazu. Der Hildalehrer Professor Martin hält die Rede. Die Feier endet mit einem Hoch auf den Reichspräsidenten Hindenburg und auf Kanzler Hitler. Anschließend singen alle das Deutschlandlied und heben die Hand zum „Hitler-Gruß“. Auch Herr Ascher hebt in der ersten Überraschung den Arm, senkt ihn aber gleich wieder. Auch zwei oder drei weitere Lehrer lassen sich von der Stimmung nicht mitreißen und halten den Arm unten. Später verbreitet sich das Gerücht, dass eine jüdische Schülerin aus Idas Parallelklasse geschlagen wurde, weil sie sich weigerte die Hand zu heben.

Donnerstag, 6. April: An der Schule macht ein weiteres Gerücht die Runde. Angeblich muss Idas Lieblingslehrer, Herr Professor Ascher, gehen. Vor der Tür des Direktors sind Herr Ascher und Frau Göller gesehen worden. Sie hatte Tränen in den Augen. Ein paar Tage später stellt sich jedoch heraus, dass sich das Gerücht nicht bewahrheitet. Herr Ascher darf vorerst bleiben.

Professor Ascher im Hof der Hildaschule •Q

Freitagabends ist einer der zentralen Treffpunkte der jüdischen Gemeinde die Synagoge an der Zerrennerstraße. Die Gottesdienste werden dort auf reformierter Basis abgehalten. Das Einhalten bestimmter religiöser Regeln wird nicht so streng gehandhabt. Die Mitglieder sind stolz auf ihre Synagoge im maurischen Stil mit ihren bunten Glasfenstern. Zum Gottesdienst gehören die Gesänge von Kantor Hermann Marx, eine Orgel, die Herr Lieben spielt, und der Synagogenchor. Man sieht sich als moderne Gemeinschaft. Insofern unterscheidet sich die liberale deutsch-stämmige Gemeinde von der zahlenmäßig wesentlich kleineren israelitischen Bethausgemeinschaft in der Rennfeldstraße sehr deutlich. Deren Mitglieder sind hauptsächlich sogenannte „Ostjuden“, die zum großen Teil aus der Donaumonarchie, wie beispielsweise Polen, Litauen oder Ungarn, eingewandert sind. Sie achten auf strenge Einhaltung der Religionsgesetze. Man isst nur koscher, darf am Schabbat nicht Auto fahren, nicht schreiben, darf nur mit Kopfbedeckung gehen und muss noch weitere Regeln beachten.

Synagoge (Bilder: Stadtarchiv Pforzheim •Q• & Haus der Geschichte BW •Q)

Nach dem Gottesdienst in der Synagoge an der Zerrennerstraße kommen viele Mitglieder im Gemeindehaus hinter der Synagoge zusammen: Bekannte Gesichter sind natürlich die Kantoren Herr Marx und Herr Sommer, die Mitglieder des Synagogenrates, der Gemeindediener Herr Levy und viele weitere. Die politischen Entwicklungen sind auch hier ein zentrales Gesprächsthema.

HERMANN MARX
Hermann (*31.10.1890 in Boedigheim) wohnt in der Schwarzwaldstraße 32. Er kann 1939 mit seiner Frau Selma nach Palästina fliehen.
FELICE SIMON
Felice (*3.5.1912 in Bretten) wohnt in der Östlichen-Karl-Friedrich-Straße 15. Sie kann 1937 in die USA fliehen.
LILLY ADLER
Lilly (*8.3.1908 in Pforzheim) wohnt in der Belfortstraße 16. Ihr gelingt 1939 die Flucht nach Großbritannien.
MARGARETE PERITZ
Margarete (*16.8.1909) wohnt in der Güterstraße 8 und zieht später nach Berlin. Sie wird 1943 von dort aus nach Auschwitz deportiert und ermordet.
ELEONORE PERITZ
Eleonore (*25.2.1908 in Pforzheim) wohnt in der Güterstraße 8. Ihr gelingt 1939 die Flucht nach Großbritannien.
OTTO STRIMPEL
Otto (*5.7.1901 in Heidelberg) wird 1940 nach Gurs verschleppt, 1942 weiter nach Auschwitz deportiert und ermordet.
JOSEF A. BLOCH
Josef (*18.10.1877 in Pforzheim) kann 1939 nach Großbritannien fliehen.
ILSE TIEFENBRONNER
Ilse (*3.2.1908 in Pforzheim) gelingt 1935 die Flucht nach Palästina.
LIESE PERITZ
Liese (*24.11.1914 in Pforzheim) wohnt in der Güterstraße 8. Sie kann mit ihrer Schwester Eleonore 1939 nach Großbritannien fliehen.
LIESELOTTE BARUCH
Lieselotte (*15.12.1913 in Pforzheim) wohnt in der Ebersteinstraße 6. Sie wird 1940 nach Gurs verschleppt, 1942 weiter nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Im Gemeindehaus hinter der Synagoge •Q

Die Veränderungen sind inzwischen auch in weiteren Bereichen des Alltags zu spüren. Die sozialdemokratische Zeitung „Freie Presse“ darf auf einmal nicht mehr erscheinen. Auch das „Morgenblatt“ wird zeitweise verboten. Den „Pforzheimer Anzeiger“ kann man allerdings noch kaufen, schließlich ist er auf Linie der neuen Machthaber.

Pforzheimer Anzeiger in der Enzstraße 23 •Q

Für Edith deutet sich ein paar Wochen später an, was die neuen politischen Verhältnisse für die jüdischen Schülerinnen bedeuten können. Ihre Klassenkameradin Ella verlässt die Schule und zieht nach Palästina. Ihr Vater ist dort schon seit einer Weile auf einer Geschäftsreise. Er und seine Frau sehen anscheinend ihre Zukunft außerhalb Deutschlands.

Ende April verbreitet sich die Nachricht, dass Herr Dr. Geiger nicht mehr Direktor ist. Wenige Tage später ist da ein neuer Schulleiter: Herr Dr. Kinkel. Am darauffolgenden Tag lässt der neue Direktor die gesamte Schülerschaft vor Unterrichtsbeginn versammeln. Er weist die Schulgemeinschaft auf die Bedeutung des 1. Mai als nationaler Feiertag hin. Drei Wochen später spricht er wieder zu den Hildaschülerinnen und versammelten Lehrkräften. Anlässlich des zehnten Todestages Leo Schlageters gibt es eine feierliche Gedenkstunde.

Links: Ella Raelson (stehend, Erste von rechts) •Q• rechts: Dr. Paul Geiger •Q

Samstag, 17. Juni. Auf dem Pforzheimer Marktplatz versammeln sich gegen neun Uhr abends mehrere Hitlerjungen und weitere Pforzheimer. Obwohl es regnet, errichten sie ein Feuer. Dann beginnen sie, Bücher auf den provisorisch errichteten Scheiterhaufen zu werfen und schauen dabei zu, wie sie in Flammen aufgehen. Die Bücherverbrennung findet direkt in Sichtweite von Ediths Wohnung statt. Verbrannt werden Bücher von Schriftstellern aus dem politisch linken Spektrum oder von jüdischen Autoren. Ida ist beunruhigt, als sie davon erfährt. Sie muss an ein Zitat des Schriftstellers Heinrich Heine denken. In den Tagen und Wochen zuvor hatte es in mehreren deutschen Universitätsstädten derartige Veranstaltungen gegeben – so wie auch am 10. Mai in Berlin…

Vier Wochen später ist Deutschland ein Einparteienstaat. Alle Parteien außer der NSDAP werden verboten oder zur Selbstauflösung gedrängt. Hitler hatte ja schon mehrfach angekündigt, alle anderen Parteien außer der NSDAP beseitigen zu wollen. Und auch in Pforzheim gibt es eine „Neuerung“: Um auch das Amt des Oberbürgermeisters im Sinne der Nationalsozialisten zu besetzen, ernennt der badische Gauleiter Robert Wagner am 19. Juni Hermann Kürz zum neuen Oberbürgermeister.

In der Hildaschule wird seit Neuestem sehr viel Abwechslung geboten. Die Schülerinnen bekommen jetzt regelmäßig Kinofilme zu sehen. Und dass dafür Unterricht ausfällt, freut natürlich die meisten. Am 22. Juni schauen sie gemeinsam den Film „Tag von Potsdam“. Auch am 24. Juli freuen sich die Schülerinnen wieder über Unterrichtsausfall. Diesmal dürfen sie den Film „SA-Mann Brand“ ansehen.

Oberbürgermeister Kürz •Q• Filmplakat (© Deutsches Historisches Museum)

Vom 12. bis 14. August 1933 ist stadtweite Beflaggung angesagt. Pforzheim versinkt in einem Fahnenmeer. Mit Musik und einem riesigen Aufmarsch der regionalen Feuerwehren wird das große Feuerwehr-Jubiläum gefeiert. Ganz Pforzheim scheint auf den Beinen zu sein. Schon am Freitagabend konnten die Festbesucher einen großen Fackelzug mit Zapfenstreich und Konzert auf dem Messplatz bestaunen. Die Eröffnungsfeier am Samstagabend im Saalbau wird begleitet von einer großen Show mit Musik, Gesang und der Festrede des neuen Oberbürgermeisters Kürz. Doch das größte Spektakel findet erst am Sonntag statt. Nach der Hauptübung um halb 12 auf dem Marktplatz beginnt gegen 14 Uhr der Festzug in der Holzgartenstraße in Richtung Messplatz. Und den Abschluss und Höhepunkt des furiosen Festes bildet am Abend um Punkt 9 Uhr dann dort das große Feuerwerk.

Im Spätsommer ist die Stimmung in Pforzheim wieder euphorisch. Am 14. September erfahren die Schülerinnen und Schüler, dass Reichskanzler Adolf Hitler der Stadt einen Besuch abstattet. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht. Mehrere Schulen machen dafür sogar früher Schluss. Teilweise ziehen sie klassenweise zum Leopoldplatz und zur Westlichen Karl-Friedrich-Straße. Gespanntes Warten auf den Ehrengast.

Jubel bricht aus, als die Wagenkolonne erscheint. Der „Führer“ steht in seinem offenen Wagen, der nur im Schritttempo an den jubelnden Pforzheimerinnen und Pforzheimern vorbeifahren kann. Das Fahrzeug des Reichskanzlers – ein Mercedes vom Typ „Nürburg“ – fährt am Modegeschäft „Krüger & Wolff“ vorbei. Die Menschen auf dem Marktplatz und am Straßenrand heben die Hand zum „Deutschen Gruß“ und jubeln dem neuen „Volkskanzler“ zu. Sein Besuch dauert aber nur kurz. Schließlich ist Hitler nur auf der Durchfahrt nach Öschelbronn, um sich vier Tage nach der großen Brandkatastrophe selbst ein Bild von der Zerstörung zu machen. Dieser Solidaritätsbesuch kommt bei der Bevölkerung sehr gut an.

Hitler am MarktplatzQ• Pforzheimer Rundschau vom 15. September

Ein paar Tage später ist schon wieder Kinotag in der Schule. Diesmal steht der Film „Hitlerjunge Quex“ auf dem Programm. Der Kinostreifen handelt von dem gutaussehenden Jungen Heini Völker, genannt Quex. Sein Vater ist Kommunist. Heini möchte aber unbedingt in die Hitlerjugend. Es geht um Mut, Tapferkeit und den Einsatz für das nationale Deutschtum. Am Ende wird der Jugendliche von Kommunisten ermordet, als er Flugblätter für die Nazis verteilt. Viele sind beeindruckt. Und natürlich fällt wieder Unterricht aus. Das ist das Beste.

Filmplakat •Q• Kino an der Zerrennerstraße (Zur Bildergalerie) •Q

Für die jüdische Bevölkerung kommt es zu weiteren Einschränkungen. Am 22. September wird ein Berufsverbot für jüdische Schriftsteller und Künstler erlassen. Knapp zwei Wochen später dürfen jüdische Redakteure und Schriftleiter nicht mehr arbeiten. 

Der Spätsommer und Herbst sind geprägt von alten und neuen Feierlichkeiten an der Schule und schon wieder vom Wahlkampf: Gedenkfeier der Schlacht vor Wien am 12. September, das Erntedankfest am 29. September, die Geburtstagsfeier des Herrn Reichspräsidenten von Hindenburg mit einer Rede des Direktors sowie eine Luftschutzübung am 9. Oktober, der vom Luftschutztrupp Ekkehard veranstaltet wird. Zwei Tage vor der Wahl hört die gesamte Hildagemeinschaft gemeinsam die Radioübertragung der Rede des Reichskanzlers Hitler in den Siemenswerken in Berlin. Er spricht dort vor der versammelten Arbeiterschaft über Außenpolitik, die eigenen Erfolge und die Pläne der Regierung. Als er über die jüdische Bevölkerung spricht, versuchen die jüdischen Schülerinnen sich nichts anmerken zu lassen.

Am 12. November 1933 findet schon wieder eine Reichstagswahl statt. Diese wird zeitgleich mit der Volksabstimmung über den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund durchgeführt. Dieses Mal können aber nicht mehr verschiedene Parteien gewählt werden. Es existiert nur noch eine Einheitsliste der NSDAP, der man per Kreuz zustimmen kann oder nicht. Das Ergebnis: Über 92 % stimmen für die Liste der NSDAP. 

Wahlplakate (Quelle: Bundesarchiv (links: Q, rechts: Q))

An der Hildaschule sind die letzten Höhepunkte des Jahres 1933 zwei Kinobesuche: am 17. November „Hitler über Deutschland“, am 9. Dezember „Sieg des Glaubens“. Die Nazis, ihre Symbole und Parolen sind inzwischen fast überall. Hakenkreuzflaggen, ständige „Heil“-Rufe, die braunen Uniformen, die durch die Straßen marschieren und ihre Lieder singen. Wohin man schaut, die Nazis haben in kürzester Zeit viele Bereiche des Alltags durchdrungen. Wer offenen Widerstand leistet, wird an den Rand gedrängt oder verfolgt. Wer sich einreiht und mitmarschiert, findet sich in einer großen Gemeinschaft wieder.

Auch das Jahr 1934 beginnt mit einer Reihe von Feiern und Veranstaltungen, die den geistig-seelischen Umschwung der nationalsozialistischen Revolution bekräftigen und fördern sollen. Die Einheit und der Zusammenhalt der Schülerschaft soll ebenfalls gestärkt werden: Am 18. Januar wird die Reichsgründung gefeiert, am 30. Januar die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler vor einem Jahr, am 5. Februar ist wieder Kinotag – diesmal heißt der Film „Deutschland erwacht“ – und noch vor Ende des Schuljahres erfolgt am 9. März die feierliche Flaggenhissung anlässlich des Gedenktages der Regierungsübernahme durch die Nationalsozialisten in Baden. Auch dazu hält Direktor Kinkel eine Rede. Am 21. März lauscht die Schulgemeinschaft erneut einer Radioübertragung: Der „Führer“ spricht diesmal über die Eröffnung der Arbeitsschlacht.

Das Schuljahr endet mit einer großen Feier und viel Emotion am 23. März im Saalbau.

Saalbau (Ansicht Rückseite & Blick von Jahnstraße aus) •Q