Raymond Descat war Mitglied der Widerstandsgruppe „Réseau Alliance“. Er ist am 14. Juni 1897 in Lyon geboren. Er war Friseur, sein Deckname bei Réseau Alliance war „W 11“. Er übermittelte Nachrichten zwischen den einzelnen Mitgliedern der Organisation. Er wurde am 14. Dezember 1943 in Lyon festgenommen. Wann und wie er ins Gefängnis in Pforzheim kam, ist noch unbekannt. 

Am 30. November 1944 holten Julius Gehrum, Gestapo-Chef in Strasbourg und Leiter der Wehrmacht-Abwehrstelle, und vier SS-Männer acht Frauen und 17 Männer von Réseau Alliance aus dem Pforzheimer Gefängnis heraus und ermordeten sie im Waldgebiet Hagenschieß im Süden der Stadt Pforzheim am Rande eines Bombentrichters, darunter auch Raymond Descat.

Er ist auf dem Militärfriedhof in Strasbourg-Cronenbourg beerdigt. 


Autoren: Brigitte und Gerhard Brändle

Quelle: En Mémoire – zur Erinnerung. Réseau Alliance, Pforzheim 2019.

Pierre Dayné war Mitglied der Widerstandsgruppe „Réseau Alliance“. Er ist am 17. November 1902 in Neuilly-sur-Seine geboren.

Er war verheiratet, Vater von zwei Kindern. Im Zivilberuf arbeitete er als Polizei-Inspektor in Paris. Sein Deckname in der Organisation war „fourmis“, also „Ameise“. 

Außer dem Datum der Festnahme, dem 17. August 1943, ist nichts über seinen Weg ins Gefängnis in Pforzheim bekannt.

Am 30. November 1944 holten Julius Gehrum, Gestapo-Chef in Strasbourg und Leiter der Wehrmacht-Abwehrstelle, und vier SS-Männer acht Frauen und 17 Männer von Réseau Alliance aus dem Pforzheimer Gefängnis heraus und ermordeten sie im Waldgebiet Hagenschieß im Süden der Stadt Pforzheim am Rande eines Bombentrichters, darunter auch Pierre Dayné.

Er ist auf dem Militärfriedhof in Strasbourg-Cronenbourg beerdigt. 


Autoren: Brigitte und Gerhard Brändle

Quelle: En Mémoire – zur Erinnerung. Réseau Alliance, Pforzheim 2019.

Alice Coudol war Mitglied der Widerstandsgruppe „Réseau Alliance“. Sie ist am 10. Februar 1923 in Brest geboren.

Sie arbeitete als Verkäuferin, verteilte Flugblätter gegen die Nazi- Besatzer, versorgte Gruppen der Résistance in der Bretagne mit Waffen und war Nachrichtenüberbringerin für Réseau Alliance in Brest. 

Sie wurde wegen der Zugehörigkeit zu Réseau Alliance am 27. September oder am 4. Oktober 1943 festgenommen – die Angaben sind nicht eindeutig. Am 31. Januar 1944 wurde sie aus Paris verschleppt und im Gefängnis Pforzheim inhaftiert. 

Am 30. November 1944 holten Julius Gehrum, Gestapo-Chef in Strasbourg und Leiter der Wehrmacht-Abwehrstelle, und vier SS-Männer acht Frauen und 17 Männer von Réseau Alliance aus dem Pforzheimer Gefängnis heraus und ermordeten sie im Waldgebiet Hagenschieß im Süden der Stadt Pforzheim am Rande eines Bombentrichters, darunter auch Alice Coudol.

Mit 21 Jahren war sie die Jüngste der Ermordeten. 

Sie ist in Brest begraben. 


Autoren: Brigitte und Gerhard Brändle

Quelle: En Mémoire – zur Erinnerung. Réseau Alliance, Pforzheim 2019.

Suzanne Chireix (geb. Labaune) war Mitglied der Widerstandsgruppe „Réseau Alliance“. Sie wurde am 19. November 1898 geboren. Ihr Mann starb 1927 an den Folgen der Verletzungen aus dem Ersten Weltkrieg, ihre drei Brüder waren im Krieg gefallen. Sie war Angestellte in Clermont-Ferrand und im Widerstand mit dem Decknamen „X 81“ als „Briefkasten“ tätig und zuständig für die Weitergabe von Nachrichten.

Sie wurde am 13. August 1943 in Lyon festgenommen, nachdem ein Spitzel sie verraten hatte. Haftorte waren das Gefängnis Montluc in Lyon, dann das in Compiègne bei Paris; wann sie nach Pforzheim kam, ist unbekannt. 

Am 30. November 1944 holten Julius Gehrum, Gestapo-Chef in Strasbourg und Leiter der Wehrmacht-Abwehrstelle, und vier SS-Männer acht Frauen und 17 Männer von Réseau Alliance aus dem Pforzheimer Gefängnis heraus und ermordeten sie im Waldgebiet Hagenschieß im Süden der Stadt Pforzheim am Rande eines Bombentrichters, darunter auch Suzanne Chireix. Sie ist in Billom im Zentralmassiv begraben. 


Autoren: Brigitte und Gerhard Brändle

Quelle: En Mémoire – zur Erinnerung. Réseau Alliance, Pforzheim 2019.

Am 14. Februar 1945 deportiert die Gestapo die 13 noch in Pforzheim verbliebenen jüdischen Bürgerinnen und Bürger. Diese leben in interreligiösen Ehen – sogenannten „Mischehen“ – oder sind Kinder aus solchen Ehen. Obwohl auch sie über mehrere Jahre ausgegrenzt wurden, hatte ihnen dieser Status zumindest bis dahin einen gewissen Schutz gewährt. Dennoch mussten sie vor der Deportation nach Theresienstadt bereits Zwangsarbeit leisten.


DEPORTATION KZ THERESIENSTADT

  • Gertrud Baier – Straße
  • Ingeborg Baier – Straße
  • Emil Moser
  • Julius Moser – Straße

Am 14. Februar 1945 [highlight snippet=“10562″]x[/highlight]deportiert die Gestapo die 13 noch in Pforzheim verbliebenen jüdischen Bürgerinnen und Bürger. Diese leben in interreligiösen Ehen – sogenannten „Mischehen“ – oder sind Kinder aus solchen Ehen. Obwohl auch sie über mehrere Jahre ausgegrenzt wurden, hatte ihnen dieser Status zumindest bis dahin einen gewissen Schutz gewährt. Dennoch mussten sie vor der Deportation nach Theresienstadt bereits Zwangsarbeit leisten.

URSULA NATHAN
Ursula wird gemeinsam mit ihrer Schwester Hannah im Februar 1945 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Sie überleben und emigrieren im Jahr 1946 in die USA.
INGEBORG BAIER
Ingeborg (*7.5.1927 in Brieg/Beslau) lebt mit ihrer Familie zuletzt in der Reinhard-Heydrich-Straße 104 (heute Erbprinzenstraße). Sie wird mit ihrer Mutter Gertrud in das KZ Theresienstadt deportiert. Beide überleben.
MARGARETE BISCHOFF
Margarete (*10.12. 1892 in Pforzheim, geborene Weiss) lebt zuletzt "Im Tal 1a" (heute Höhe Deimlingstraße 22). Durch ihre Ehe mit Max Bischoff (evangelisch) ist sie zunächst vor der Deportation 1940 geschützt. 1945 wird sie in das KZ Theresienstadt deportiert. Sie überlebt und lebt danach wieder in Pforzheim.
GERTRUD BAIER
Gertrud (*25.2.1900 in Brieg/Beslau, geborene Friedländer) lebt mit ihrer Familie zuletzt in der Reinhard-Heydrich-Straße 104 (heute Erbprinzenstraße). Sie wird mit ihrer Tochter Ingeborg in das KZ Theresienstadt deportiert. Beide überleben. Gertrud lebt nach dem Krieg wieder in Pforzheim.
LUDWIG BLOCH
Ludwig (*8.2.1907 in Pforzheim) lebt mit seiner Familie zuletzt in der Westlichen Karl-Friedrich-Straße 170. Durch seine Ehe mit Klara Johanna (evangelisch) ist er vor der Deportation 1940 geschützt. 1945 wird er in das KZ Theresienstadt deportiert. Er überlebt. Nach dem Krieg lebt er wieder in Pforzheim.
ALFRED GROßMANN
Alfred (*1.12.1877 in Budapest) lebt zuletzt in der Gymnasiumstraße 151. Durch seine Ehe mit Frieda (evangelisch) ist er vor der Deportation 1940 geschützt. Er überlebt die Deportation 1945 in das KZ Theresienstadt. Er stirbt 1949 in Pforzheim.
ALICE HERZOG
Alice (*22.7.1905 in Pforzheim, geborene Ballin) wird 1945 in das KZ Theresienstadt deportiert. Sie überlebt und nach dem Krieg in Pforzheim. Sie stirbt im Jahr 1988.
IRENE KARLE
Irene (*19.5.1904 in Königsbach) wird mit ihrer Tochter Marga in das KZ Theresienstadt deportiert. Sie überleben beide.
MARGA KARLE
Marga (*7.7.1924 in Dillstein) wird mit ihrer Mutter in das KZ Theresienstadt deportiert. Sie überleben beide.
EMIL MOSER
Emil (*27.1.1876 in Pforzheim) lebt zuletzt in der Bichlerstraße 1. Er wird – wie auch sein Bruder Julius – 1945 in das KZ Theresienstadt deportiert. Er überlebt und stirbt 1960 in Pforzheim.
HANNAH NATHAN
Hannah wird gemeinsam mit ihrer Schwester Ursula im Februar 1945 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Sie überleben und emigrieren im Jahr 1946 in die USA.
WILLIAM POSNER
William überlebt die Deportation in das KZ Theresienstadt nicht.
MARTIN SCHULTZ
Martin Schultz lebt zuletzt in der Bayernstraße 51. Er überlebt die Deportation in das KZ Theresienstadt. Nach dem Krieg lebt er wieder in Pforzheim.
HENRI STERNBERG
Henri (*30.7.1905 in Berlin) arbeitet als Uhrmacher. Er wird 1945 in das KZ Theresienstadt deportiert. Er überlebt. Nach dem Krieg kehrt er zurück nach Pforzheim und lebt dort bis zu seinem Tod im Jahr 1967.
ERNESTINE WÖRNER
Ernestine (*22.4.1895 in Bielitz (Schlesien), geborene Spitzer) wird 1945 in das KZ Theresienstadt deportiert. Sie überlebt. Nach dem Krieg lebt sie wieder in Pforzheim. Sie stirbt dort im Jahr 1965.
JULIUS MOSER
Julius (*18.7.1882 in Pforzheim) kämpft als Soldat für Deutschland im Ersten Weltkrieg. Später führt er das Geschäft seines Vaters in der Zerrennerstraße. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft wird er zur Geschäftsaufgabe gezwungen und muss zudem Zwangsarbeit leisten. 1945 wird er in das KZ Theresienstadt deportiert. Er überlebt. Nach dem Krieg kehrt er zurück nach Pforzheim und hilft beim Wiederaufbau der Stadt.

Am 14. Februar 1945 deportiert die Gestapo die 13 noch in Pforzheim verbliebenen jüdischen Bürgerinnen und Bürger. Diese leben in interreligiösen Ehen – sogenannten „Mischehen“ – oder sind Kinder aus solchen Ehen. Obwohl auch sie über mehrere Jahre ausgegrenzt wurden, hatte ihnen dieser Status zumindest bis dahin einen gewissen Schutz gewährt. Dennoch mussten sie vor der Deportation nach Theresienstadt bereits Zwangsarbeit leisten.

Adolf Rosenberger wurde als Sohn einer deutsch-jüdischen Kaufmannsfamilie am 8. April 1900 in Pforzheim geboren. Er besuchte zunächst die Volksschule und wechselte dann auf die Ober-Realschule in der Simmlerstraße, das heutige Hebel-Gymnasium.

Er war Pilot im Ersten Weltkrieg und kam so früh mit Technik in Kontakt, für die er sich fortan begeisterte. Ab 1923 wandte er sich dem automobilen Rennsport zu und konnte in den Jahren bis 1929 rund vierzig erste Plätze auf unterschiedlichen Rennwagen erringen. Der ADAC verlieh ihm 1931 das Goldene Sportabzeichen für seine Verdienste um den deutschen Automobilsport.

Daneben bewies er großes unternehmerisches Talent. Bereits in den 1920er Jahren machte er die Bekanntschaft von Ferdinand Porsche. Mit ihm gründete er 1931 zusammen mit dessen Schwiegersohn Anton Piech die Firma Dr. Ing. h.c. F. Porsche GmbH Gesellschaft mit beschränkter Haftung, Konstruktionen und Beratungen für Motoren und Fahrzeugbau in der Kronenstraße 24 in Stuttgart.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Rosenberger 1933 nach und nach aus der Firma gedrängt. Er emigrierte zunächst in das europäische Ausland, dann in die USA. Nach vielen Jahren der Entbehrung konnte er in Los Angeles Fuß fassen. Er änderte dort seinen Namen in Al Roberts. Mit Porsche schloss er 1951 einen Vergleich, aus dessen Erlös er sich erfolgreich an einem Zulieferer der amerikanischen Automobilindustrie beteiligen konnte.

Am 6. Dezember 1967 starb Adolf Rosenberger im Alter von 67 Jahren in Los Angeles.

Autor: Martin Walter, Rastatt


Der folgende Link (externer Link, Youtube) führt zu einer Erinnerungsveranstaltung an Adolf Rosenberger aus dem Jahr 2022. Darin enthalten ist die ARD-Film-Dokumentation „Adolf Rosenberger – Der Mann hinter Porsche“ (ab 14:38 Min):


Quellennachweise

Auch in Pforzheim gab es Menschen, die in unterschiedlichen Formen gegen das NS-Regime aktiv waren. Die genaue Zahl widerständiger Menschen in Pforzheim und im Enzkreis ist unbekannt. Zum Teil fehlen historische Quellen oder die Informationen sind aufgrund von Schutzfristen nicht zugänglich. Möglicherweise ist über die Mehrzahl der widerständigen Menschen nichts bekannt. 

Dennoch ist von fast 1000 Personen überliefert, dass sie sich auf unterschiedliche Weise gegen das Regime stellten. Der aktuelle Forschungsstand (Brigitte und Gerhard Brändle, 2019) ist in der Datenbank „Widerstand im Raum Pforzheim und im Enzkreis“ dargestellt.

Stellvertretend für die Menschen, die mutig Widerstand oder Verfolgten Hilfe leisteten, sollen hier Karl Otto Bührer, Karl Dürr, Fred Joseph, Werner Reinheimer, Karoline Schnell und Karl Schroth genannt werden.

Werner Reinheimer ist am 20. Dezember 1912 in Pforzheim geboren. Er wächst in einem streng jüdischen Elternhaus auf und er soll – im Gegensatz zu seiner Kraftnatur – nicht Fußball spielen, sondern Sprachen lernen, lesen und zuhause bleiben. Er besucht die Oberrealschule, das heutige Hebel-Gymnasium, in der Rugby-Schulmannschaft ist er Mittelstürmer und im Sport einer der Besten.

Sein Sportlehrer ist Prof. Dr. Herbert Kraft, ab 1929 aktiver Nationalsozialist, nach 1933 Ministerialrat im Badischen Unterrichtsministerium. Als ein jüdischer Schüler namens Pollak – siehe dort – im Turnunterricht eine Welle am Reck nicht schafft, kommentiert dieser Lehrer: „Andere aufs Kreuz legen, das kannst du, eine Bauchwelle, das kannst du nicht!“ Diese antisemitische Bemerkung beantwortet Werner Reinheimer: „Kraft, Sie sind ein Schuft!“, worauf dieser ihm mit der Rute ins Gesicht schlägt. Werner Reinheimer setzt sich zur Wehr. Hinzugerufene Lehrkräfte beenden die Schlägerei, Werner Reinheimer darf nicht das Abitur machen, er absolviert eine Lehre bei der Firma L.S.Mayer und wird 1935 Reisender für Schmuckwaren.

Werner Reinheimer ist Mitglied der jüdischen Jugendbewegung „Kameraden“ genauso wie Kurt Baruch, Wilhelm Blum, Hans Pollak und Paul Strimpel. Bei der Spaltung der jüdischen Jugendbewegung schließt er sich nicht der Gruppe um Martin Buber an, sondern der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ)*, der Jugendorganisation der SPD*, deren antimilitaristische Ausrichtung in dem „Lied der Falken“ zum Ausdruck kommt:

Nie, nie woll’n wir Waffen tragen!

Nie, nie woll’n wir wieder Krieg!

Laßt die reichen Herren sich alleine schlagen,

wir machen einfach nicht mehr mit!“

Ende 1931 treten mehr als zwei Drittel der Pforzheimer SAJ-Mitglieder, mehr als 40 Personen, aus der SPD* aus, weil sie mit dem Kurs der Parteiführung, u.a. der Zustimmung zum Bau von Panzerkreuzern, nicht mehr einverstanden sind. Einige Tage später gehen sie geschlossen zur neugegründeten Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP)*. Diese versteht sich als Versuch, eine Einheitsfront gegen die drohende faschistische Gefahr herzustellen, nach Karl Schroth eine „Brücke, um die beiden antifaschistischen Parteien SPD und KPD* durch die dritte Kraft im Kampf gegen Hitler näherzubringen“. Werner Reinheimer spricht bei öffentlichen Versammlungen für die SAP, schreibt für das Kabarett „Die Roten Trommler“ mit Karl Schroth die Texte und gerät so in die Schusslinie des politischen Gegners. Er bekommt im Sommer 1932 Morddrohungen und nachgedruckte Fahrkarten „Ab nach Jerusalem!“

Ab Februar 1933 wird die SAP in die Illegalität gedrängt, ihre Presse verboten; die Partei geht auf Tauchstation, Decknamen werden benutzt, aus Werner Reinheimer wird „Uli“, aus Karl Schroth wird „Herbert“. Werner Reinheimer bekommt „Besuch“ von der Gestapo und wird für kurze Zeit festgenommen, da die Nationalsozialisten bei ihm Gelder der illegalen Partei und Druckmaschinen vermutet. Seine geschäftlichen Kontakte und Auslandsreisen nutzt er für Kurierdienste zur SAP-Zentrale in Paris. Im November 1935 verlässt Werner Reinheimer seine Heimat über Frankreich Richtung Brasilien, da seine Existenz als Reisender in Sachen Schmuck zunehmend verunmöglicht wird. So gehört er zu denen, die durch die erzwungene Flucht immerhin ihr Leben retten konnten.

In einem Brief im August 1980 erinnert Werner Reinheimer sich an eine Abschiedsepisode in Pforzheim:

Sogar ein längst vergessener Vers von mir kam plötzlich nochmals hervor aus einer Zeit (1935), als ich Teile der Kessheit der ‚Roten Trommler’ in einen Kabarettabend der jüdischen Gemeinde zu tragen versuchte, um die anwesende Gestapo zu ärgern und den ach so schwankenden Mut etwas zu stärken:

Wir wandern aus nach Birma,

gründen eine neue Firma,

gründen eine neue Bank,

denn das liegt uns, Gott sei Dank…

Das alles ist vorbei, hat vielleicht die Sekunde gedauert, um irgendjemandem bei seinem Entscheid behilflich zu sein und war es wert.“

1980 kommt es in Pforzheim noch einmal zu Zusammentreffen von Kurt Baruch, Kurt Bub, Martha Kadner und Karl Schroth im Kreis der noch lebenden SAP-Mitglieder. 1983 gehört Werner Reinheimer zu der ersten Gruppe jüdischer Bürger, die die Stadt Pforzheim in ihre frühere Heimat einlädt.

Er stirbt am 23.10.1992 in Brasilien.


Autoren: Brigitte und Gerhard Brändle

Karoline Schnell, geb. Deck, ist am 29. September 1904 in Mörsch (Kreis Karlsruhe) geboren. Sie arbeitet als Putz- und Waschfrau. Sie ist geschieden und hat einen Sohn, der 1933 geboren wird. Sie ist Mitglied bei Rot-Sport und Kassiererin der Roten Hilfe (RH), auch nach deren Verbot Ende Februar 1933.

Sie und Valentine Stickel, ebenfalls Rote Hilfe, vereinbaren für den Fall ihrer Verhaftung, „den Austausch von Schnittmustern als Thema ihrer Besprechungen anzugeben“. 1934 ist sie beteiligt bei der Fluchthilfe für Adolf Baier. Die Gestapo verhaftet sie am 18.12.1934, am 28.5.1935 wird sie von Gefängnis Pforzheim nach Mannheim „verschubt“*. Vom 29.5. bis 1.8.1935 ist sie in Untersuchungs- bzw. Strafhaft im Gefängnis Mannheim. Am 17.6.1935 steht sie mit Valentine Stickel, Friedrich Seitz, Albert Ebel, Ernst Renner und Fritz Burkhardt wegen Vorbereitung zum Hochverrat, Fortführung der RH und des Roten Frontkämpferbundes (RFB)*, Geheimbündelei und „Heimtücke“ sowie abfälliger Äußerungen gegen die NSDAP vor dem Sondergericht Mannheim, das sie zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt. Vom 1.8. bis 17.9.1935 ist die im Frauengefängnis Bruchsal eingesperrt.

Karoline Schnell überlebt den 23.2.1945 in Pforzheim nicht.


Autoren: Brigitte und Gerhard Brändle

Karl Schroth ist am 18. Januar 1909 in Pforzheim geboren. Durch den Vikar Erwin Eckert kommt er als Stahlgraveur-Lehrling zur Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ), zur Gewerkschaft (Deutscher Metallarbeiterverband) und tritt 1927 der SPD bei. 1931 schließt er sich der links von der SPD stehenden Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) an.

Im April 1932 warnen die Linksparteien: „Hitler heißt Krieg, Not, Hunger und Elend für das ganze deutsche Volk!“ – eine klarsichtige Warnung, denn am 30. Januar 1933 übergeben die bürgerlichen Parteien Hitler und der NSDAP die Macht. Bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 erhält die NSDAP in Pforzheim 57,5 Prozent der Stimmen.

1933 im Juni verteilen Karl Schroth, Hans Brammer, Karl Otto Bührer und weitere SAP-Mitglieder in Pforzheim die illegale Schrift „Das Fanal“. Das Titelblatt zeigt eine Fotomontage mit schrecklichen Kriegs- und Verwüstungsszenen unter dem Titel „Durch Rüstung zum Krieg !“. 1934 heißt es „Hitler bedeutet Krieg!“ auf Zetteln, die Nazi-Gegner heimlich in Briefkästen stecken. Karl Schroth und die SAP leisten auch für Verfolgte Fluchthilfe nach Frankreich.

1935 wird Karl Schroth inhaftiert und drei Tage verhört. Am 5. Mai 1938 verhaftet ihn die Gestapo erneut. Im März 1939 wird er aus der Einzelhaft im Pforzheimer Gefängnis nach Stuttgart verlegt. Am 6. September 1939 kommt der Volksgerichtshof Berlin nach Karlsruhe und verurteilt Karl Schroth zu zwei Jahren Gefängnis. Er muss in Darmstadt und Dieburg bei der Moor-Entwässerung mitarbeiten und im Straßenbau Steine klopfen. Im Frühjahr 1940 wird er entlassen und im Juni heiraten er und Klara Kaiser. Er muss sich täglich bei der Gestapo melden, bis er im Mai 1941 zur Wehrmacht gepresst wird. Von der Pforzheimer Buckenberg-Kaserne muss er zuerst nach Frankreich, dann nach Italien, wo er im Mai 1944 in amerikanische Kriegsgefangenschaft gerät.

Ab Juni 1944 ist er im französischen Kriegsgefangenen-Wüstenlager Djelfa in der Nähe von Laghuat (Algerien), ab April 1945 in einem Arbeitslager nahe der Mittelmeerküste.

Im Spätsommer 1945 – am Rande der Sahara – erfährt Karl Schroth, der Gegner der Nazi-Diktatur und des Eroberungskrieges, vom Schicksal seiner Heimatstadt am 23. Februar 1945, dem Tag des Luftangriffs auf Pforzheim:

Auf der Straße, außerhalb des Stacheldrahtzauns, rasseln staubbedeckte Panzer mit allem Pipapo, Kradrädern, Jeeps und Munitionsfahrzeugen. Jawohl, ich schrecke bis ins Innere auf. Ich öffne die Augen ganz weit, die rasselnden Ungetüme sind grell bemalt – ein Jux, eine Fata Morgana – mit den Namen von unmittelbar an Pforzheim angrenzenden Gemeinden. Ich staune und lese: Kleinsteinbach, Königsbach, Bilfingen, Stein, Ersingen – auf jedem neu vorbeiziehenden Panzer – ein vertrauter Name. Sofort versuche ich einen Kradfahrer an den Zaun zu bekommen. Ohne Erfolg. Die Fahrzeuge donnern vorbei wie ein eiliges Gewitter. Die Heimat so fern und plötzlich so nah und umgehend wieder so fern. Ich gehe zu Freyér (einem Aufseher) und bitte ihn, einen dieser vorbeigerauschten Augenzeugen ausfindig zu machen, und nun erfahre ich von einem jungen Soldaten, dass seine Truppe in allen auf die Panzer gemalten Orten längere Zeit festgesessen ist. Und rücksichtsvoll, geradezu zögernd, gibt er preis, was ich ängstlich vermute: ‚Deine Stadt’ – er breitet die Arme weit aus – ‚tous cassé, kaputt, total kaputt.’ Ich fühle, wie mein Herz schneller schlägt, sich überhaspelt und zu rasen beginnt…“.

Im Juli 1947 aus der Gefangenschaft entlassen, kehrt er im August nach Pforzheim zurück. Karl Schroth wirkt nach dem Krieg mit beim Aufbau eines demokratischen Staates, durch seine Verbindungen als Zeitungsredakteur kommt Fritz Erler nach Pforzheim. Karl Schroth ist drei Jahre Vorsitzender der SPD, wirkt neun Jahre als Stadtrat für das Gemeinwesen und arbeitet bei der Volksbühne und der Arbeiterwohlfahrt mit.

Karl Schroth stirbt 1999.

2018 wird an der Bleichstraße 37 ein Stolperstein für ihn verlegt.


Autoren: Brigitte und Gerhard Brändle

Fred Joseph, geboren am 18. Oktober 1911 in Luzern, wächst in Würzburg auf. Er ist nach den Rassebegriffen der Nationalsozialisten „Halbjude“ und arbeitet seit 1937 als Apotheker in Pforzheim. Er opponiert durch sein Engagement für katholische Pfadfindergruppen gegen die Hitlerjugend.

1941 wird er wegen „Weiterführung einer verbotenen Jugendorganisation“ zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Nach seiner Rückkehr nach Würzburg und einer erneuten Verhaftung verschleppen ihn die Nazis ins Konzentrationslager Auschwitz, wo er am 21.10.1943 an einer Rippenfellentzündung verstorben sein soll.

Am 13. März 2008 wurde vor Fred Josephs ehemaligem Wohnhaus in der Ebersteinstraße Nr. 18 der erste Stolperstein in Pforzheim verlegt. Außerdem ist die Fred-Joseph-Straße in Hohenwart nach ihm benannt.


Autoren: Brigitte und Gerhard Brändle

Karl Heinrich Dürr ist am 31. Januar 1892 in Pforzheim geboren. Er ist ab 1924 erst Vikar, dann ab 1925 Pfarrer der heutigen Lukasgemeinde in der Pforzheimer Weststadt. 1936 verheiratet er sich in Freiburg mit Elisabeth Holzhausen.

Der Weltkriegs-Veteran Karl Dürr kommt durch Martin Niemöller zur „Bekennenden Kirche“. Am 22. November 1933 sind im Melanchthonhaus und im Saalbau zusammen über 3.400 evangelische Christen versammelt, um gegen die Deutschen Christen (DC), eine NS-nahe Gruppierung, zu protestieren. Diese hatten das Alte Testament als „Viehhändler- und Zuhältergeschichten“ verunglimpft, um die evangelische Kirche entsprechend der NS-Rassenlehre umzuformen. Dürr nennt die DC „Totengräber des evangelischen Bekenntnisses und Schrittmacher eines neuen Heidentums“.

1934 schreibt er an den Landesbischof Julius Kühlewein: „Enttäuschung und Verbitterung erfüllt uns, dass Sie nur einen „ungewöhnlichen Weg” zugeben, wo brutale und zynische Beiseitesetzung von Recht und Verfassung vorliegt […]. Denn dieser Geist [der Geist der Deutschen Christen; Anm. d. Autoren] ist im tiefsten Grund der Geist weltlicher Macht und Gewaltanwendung, dem bis aufs Blut widerstanden werden muss.

Die Gestapo überwacht seine Predigten und verhört ihn mehrmals, seine Post wird geöffnet. Die Kirchenleitung versetzt ihn 1935 nach Freiburg. Dort betätigt er sich weiter für die Bekennende Kirche und wird von der Gestapo durch Vorladungen und Hausdurchsuchungen schikaniert. 1937 fordert er seine Kollegen der Bekennenden Kirche zu Fürbitte-Gottesdiensten für alle inhaftierten Pfarrer auf und wirbt für eine Unterschriften-Sammlung zugunsten Niemöllers. Die Verfolgung der Juden bezeichnet er als „einen markanten Verstoß gegen das christliche Bekenntnis“. Zum Widerstand im „Freiburger Kreis“ findet er, als er zusammen mit Gerhard Ritter und dem Freiburger Pfarrer Otto Hof Ende 1938 eine Denkschrift „Kirche und Welt“ verfasst, die sich mit dem Verhalten des Christen gegenüber einer Obrigkeit befasst, die die Staatsbürger zu „einer weltanschaulichen Gesinnungsgemeinschaft zusammenschweißen will und widergöttliche Gebote“ erlässt. Diese Denkschrift gilt als Vorstufe der zweiten „großen Denkschrift“ des „Freiburger Konzils“. Die Aktivität Dürrs im kirchlichen Widerstand bringt ihm bis 1945 wiederholt Hausdurchsuchungen und Verhöre durch die Gestapo ein, die ihn ausdrücklich als „Feind des Nationalsozialismus“ tituliert.

Karl Dürr stirbt 1976 in Pforzheim.

1985 wird in Pforzheim eine Straße im Wohngebiet Maihälden nach ihm benannt.


Autoren: Brigitte und Gerhard Brändle