Historische Abbildung: Stadtarchiv Pforzheim, S1-08-S-027-S-001, Foto: Otto Kropf, bearbeitet.


Bild links: Stadtarchiv Pforzheim, S1-08-L-014-S-034, Foto: Otto Vogt, bearbeitet; Bild rechts: Stadtarchiv Pforzheim, S1-08-L-014-S-003-, Foto: Otto Kropf, bearbeitet.
Historische Abbildung: Stadtarchiv Pforzheim, S1-08-G-056-S-002, Foto: Otto Vogt, bearbeitet.
1945 • 2025
Historische Abbildung: Stadtarchiv Pforzheim, S1-08-G-030-S-004, Foto: Otto Vogt, bearbeitet.
Historische Abbildung: Stadtarchiv Pforzheim, S1-05-006-S-001, Foto: Otto Vogt, bearbeitet.
Idas Familie ist krank vor Sorge um ihren [highlight snippet=“6986″]Vater[/highlight]. Ungefähr eine Woche nach Herrn Bensingers Inhaftierung erreicht die Familie eine [highlight snippet=“10285″]Postkarte aus Dachau[/highlight]. Ida und ihre Mutter versuchen nun ein Visum irgendwohin zu bekommen. Sie lassen in Karlsruhe und Stuttgart kein [highlight snippet=“7076″]Konsulat[/highlight] aus. Aber es klappt gar nichts. Überall braucht man Vorzeigegeld, aber sie dürfen ja kaum Geld ausführen. Und zu allem Übel verliert Ida jetzt auch noch ihre Ausbildungsstelle bei Frau Fortlouis. Doch vereinzelt gibt es auch Hilfe nach dem 9. November.
Nach ungefähr drei Wochen wird Idas Vater aus Dachau entlassen und kehrt zurück nach Pforzheim. Er ist völlig ausgehungert und gezeichnet von den Misshandlungen. So ergeht es auch den anderen. Allen Internierten war vor der Entlassung gedroht worden, dass sie ihr ganzes Hab und Gut verkaufen und so schnell wie möglich Deutschland verlassen sollen.
Spätestens jetzt ist den allermeisten Familien klar, dass sie in ihrer Heimat keine Zukunft mehr haben. In ihrer Verzweiflung suchen die meisten jetzt unter Hochdruck nach Ausreisezielen. Manche haben Glück und bekommen Hilfe durch im Ausland lebende Verwandte. Viele haben jedoch keine Wahl und suchen irgendein Land, das ihnen ein [highlight snippet=“6849″]Visum[/highlight] ausstellt. Was die Flucht zusätzlich erschwert, ist die Tatsache, dass Flucht auch gleichzeitig ein schwerer finanzieller Schlag, wenn nicht sogar der wirtschaftliche Ruin ist. Die sogenannte „Reichsfluchtsteuer“, die bei der Ausreise fällig wird, beträgt teilweise bis zu 95 Prozent des persönlichen Vermögens. Die Menschen werden nicht nur ihrer Heimat, sondern auch ihrer wirtschaftlichen Grundlage beraubt.

Ullmanns sind immer noch in einem Schockzustand. Trudes [highlight snippet=“6983″]Vater[/highlight] ist noch von der Misshandlung gezeichnet. Jetzt ist auch er endlich überzeugt davon, dass man auswandern müsse. Vielleicht kann Friedas Onkel in den USA helfen? Das kann im schlimmsten Fall allerdings noch Monate dauern. Bis es soweit ist, sei es für [highlight snippet=“6807″]Trude[/highlight] aber erstmal besser, einen Beruf zu erlernen, der im Fall einer Flucht nützlich sein könnte. Ihr kurzer Schulbesuch an der „Jüdischen Abteilung“ findet nach der Pogromnacht sein Ende, denn der Unterricht wird durch einen Erlass des Reichsministers eingestellt. Trudes Tante liefert nun den entscheidenden Hinweis. Sie ist Ärztin in Berlin und vermittelt ihr dort einen Ausbildungsplatz als Krankenschwester im jüdischen Krankenhaus. Das heißt für Trude, es geht in die Hauptstadt. Auch wenn es weit weg von zu Hause ist, ist es immerhin ein Ziel. Und sie hält natürlich regelmäßigen Briefkontakt in die Heimatstadt.
Was die finanzielle Situation der Familie erschwert, ist die Tatsache, dass das Geschäft von Trudes Vater [highlight snippet=“7089″]“arisiert“[/highlight] wird. Das ist nichts anderes als eine Zwangsenteignung. Viele Jüdinnen und Juden sahen sich schon in den Jahren zuvor zunehmend gezwungen, ihre Geschäfte aufzugeben. Den Druck durch Berufsverbote, bürokratische Schikanen, Diskriminierungen und gewalttätige Übergriffe halten viele nicht mehr aus. Die Zwangsverkäufe werden als ordnungsgemäße Übergaben inszeniert. Meist finden sie weit unter Wert statt. So ergeht es auch vielen stadtbekannten Geschäften in Pforzheim.

Nach den furchtbaren Gewaltexzessen der Pogromnacht geht die Entrechtung weiter: Ab Ende 1938 dürfen Trude, Edith, Ida und Lilli keine Kinos, Theater oder öffentlichen Schwimmbäder mehr besuchen. Sie werden aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Die Diskriminierung umfasst nun fast alle Lebensbereiche. Selbst das Ausleihen von Büchern aus staatlichen oder städtischen Bibliotheken ist nicht mehr erlaubt.
In ihrem jugendlichen Leichtsinn – vielleicht auch mit dem Mut der Verzweiflung – setzt sich Ida mit ihren Freunden über das Kinoverbot hinweg. Und das gleich mehrfach. Das [highlight snippet=“9966″]UfA-Kino[/highlight] in der Zerrennerstraße zu besuchen, ist natürlich zu riskant. Viel zu bekannt sind sie und ihre Freunde dort. Also fahren sie in andere Städte in der Umgebung. Der jeweils blondeste Freund in der Gruppe wird zum Kartenkaufen geschickt. Danach marschieren sie ganz selbstbewusst in den Saal.


Ortsschild Stein bei Königsbach •[highlight snippet=“9812″]Q[/highlight]• Schwimmbad Frankenthal •[highlight snippet=“9814″]Q[/highlight]
An der Hildaschule findet nun der neue „Zeitgeist“ seinen vorläufigen Abschluss. Als letzte jüdische Schülerin wird Lilli gesetzlich gezwungen, die Schule zu verlassen. Der 2. Dezember ist ihr letzter offizieller Schultag. Der Ausschluss vollzieht jedoch nur das, was Lilli längst gespürt hatte: Sie war nur noch ein „unerwünschter Gast“, saß in der letzten Reihe, wurde ausgegrenzt und beleidigt. Die Lehrer kümmerten sich nicht um sie.
Da es jedoch auch keine jüdische Klasse an der Hindenburgschule mehr gibt, steht sie ohne Perspektive dar. Glücklicherweise setzt sich ihr Großvater Moritz für die verbliebenen jüdischen Kinder ein. Er stellt seinen alten Geschäftsraum als [highlight snippet=“8081″]provisorische[/highlight] Schule zur Verfügung. Da die Synagoge vernichtet ist, die meisten Familien ohne Einkommen und die Väter teilweise noch in Dachau interniert sind, wird das Angebot sehr dankbar angenommen. Um einen langen Tisch herum versucht eine Lehrerin, acht Schulklassen auf einmal zu unterrichten. Die Fensterläden sind dauerhaft verschlossen, denn immer wieder fliegen Steine gegen die Fenster. Für Lilli kommt es aber noch schlimmer. 1939 wird ihr Vater in die Niederlande ausgewiesen. Er muss Deutschland also verlassen.
Am 30. April 1939 kommt die nächste Demütigung: das „Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden“. Es zwingt nun manche dazu, in sogenannte „Judenhäuser“ zu ziehen, wie beispielweise in der Bertholdstraße 4, wo schon Idas Freund Fritz mit seiner Familie wohnt, und nun auch die Lehrerin [highlight snippet=“6851″]Frau David[/highlight] mit ihrer [highlight snippet=“7090″]Schwester[/highlight] und weitere Familien einziehen müssen.
Ida wird bewusst, dass sie vielleicht bald ihre Heimat verlassen muss – möglicherweise für immer. Abschiede kennt sie schon. In den letzten Jahren wurde die jüdische Gemeinde zunehmend kleiner. Stück für Stück waren immer mehr gegangen. Aber dieses Mal ist es etwas anderes. Jetzt betrifft es alle und sie flüchten in unterschiedliche Richtungen. Ihre ehemalige Klassenkameradin [highlight snippet=“7091″]Ilse[/highlight] geht nach Südafrika. Und dann kommt die eigentlich erlösende Nachricht für Fritz: ein Visum für Schweden im April. Der Abschied naht.
Nach unzähligen Versuchen gelingt es nun auch einem Verwandten der Familie in Argentinien, ein Visum für [highlight snippet=“10130″]Bolivien[/highlight] zu bekommen. Idas Familie kann voraussichtlich im Juni endlich ausreisen. Jetzt ist es endgültig. Die Familien von Edith, Lilli und Trude haben nicht so viel Glück und müssen vorerst in Pforzheim bleiben.
Der Sommer 1939 wirkt wie die Ruhe vor dem Sturm. Wenn über Politik gesprochen wird, dann wird oft die Frage diskutiert, ob es irgendwann zwischen Deutschland und der Sowjetunion einen Krieg geben wird. Schließlich könnten die Nationalsozialisten und die Kommunisten unter [highlight snippet=“7097″]Stalin[/highlight] [highlight snippet=“7322″]ideologisch[/highlight] nicht weiter entfernt voneinander sein. Nachdem im August dann ein Nichtangriffspakt zwischen beiden Ländern vereinbart wird, scheint der Frieden gesichert. Doch die Nachrichten vom 1. September sorgen für einen Schock.
Die Stimmung in der Bevölkerung ist nach Kriegsbeginn nicht gerade [highlight snippet=“7327″]euphorisch[/highlight]. Die meisten wissen nicht, was sie erwartet. Begeisterung kommt erst auf, als sich schnelle Erfolge abzeichnen. Nach dem erfolgreichen „Polenfeldzug“ liegt die drohende Auseinandersetzung mit Frankreich in der Luft. Zwar haben Großbritannien und Frankreich als Reaktion auf den Überfall auf Polen dem Deutschen Reich den Krieg erklärt, passiert ist jedoch im Frühjahr 1940 nichts. Erst am 10. Mai…
Adolf Hitler ist auf dem Höhepunkt seiner [highlight snippet=“8049″]Popularität[/highlight]. Die militärischen Erfolge begeistern viele Deutsche, die das Gefühl haben, die Niederlage aus dem Ersten Weltkrieg sei damit wettgemacht. Für die noch in Deutschland verbliebenen Jüdinnen und Juden wird die ohnehin schon schwierige Situation noch bedrohlicher. Durch den Kriegsbeginn lässt das NS-Regime in den eroberten Gebieten endgültig die Maske fallen. Und die noch in Deutschland zurückgebliebenen Jüdinnen und Juden leben am äußersten Rand der Gesellschaft.
In Pforzheim legt der Winter kurzzeitig eine idyllische Schneedecke über das dramatische Weltgeschehen. Für die meisten ist der Krieg ohnehin weit weg. Viele sind nicht direkt betroffen.
Die Synagoge an der Zerrennerstraße wird am Morgen des 10. November 1938 massiv verwüstet.




Bild Innenraum: Stadtarchiv Pforzheim, bearbeitet; Foto Synagoge Rückansicht: Stadtarchiv Pforzheim, bearbeitet; Foto Kuppel: Stadtarchiv Pforzheim, S1-04-044-S-001, Foto: Herbert Feuerstein, bearbeitet; Foto brennende Synagoge: Stadtarchiv Pforzheim, S1-04-044-R-046, bearbeitet.
Das Geschäft „Trikotwaren Weinschel“ wird am 10. November 1938 geplündert. Über den Inhaber bzw. dessen Familie ist bekannt, dass Adolf Weinschel am 28. November 1938 nach Polen abgeschoben wird. Er „stirbt“ unter unbekannten Umständen am 20. August 1943 im Ghetto Lemberg. Seine Söhne Günther und Hans-Dieter werden 1939 nach Polen abgeschoben und können überleben. Adolfs Frau Klara, die der evangelischen Kirche angehört, überlebt in Pforzheim.
Quelle: Brändle, G. & Eger, R.: „Schikaniert, diskriminiert, vertrieben, deportiert…“, Pforzheim 2011, S. 27.
Das Schuhwarenhaus Speier AG wird am Vormittag des 10. November 1938 massiv verwüstet. Die Angestellte Eleonore Peritz berichtet über die Vorgänge: „Ich war eine Angestellte […] im Schuhwarenhaus ‚Speier AG‘ am Leopoldplatz […]. Die Fenster waren alle zerstört, die Schuhe alle auf der Straße, ich als die einzige jüdische Angestellte wurde herausgeholt, umgeben von Hunderten Leuten, die Polizei im Vordergrund – ich mußte die Schuhe säubern und alle Schuhe wieder hineinwerfen.“

Das Café Simon an der südwestlichen Ecke Kreuzung Leopold-/Zerrennerstraße ist ein beliebter Treffpunkt der jüdischen Bürgerinnen und Bürger Pforzheims. Es wird am Vormittag des 10. November 1938 verwüstet.
Inhaber sind das jüdische Ehepaar Emil und Hermine Simon. Beide werden am 22. Oktober 1940 in das Lager Gurs verschleppt. Hermine stirbt am 16. Januar 1941 in Gurs, Emil am 10. Juni 1941 in Pau (Frankreich).


Purim-Feier im Café Simon (1937) • Synagogenchor 1937
Bilder: Stadtarchiv Pforzheim
Das Schuhhaus Schauer wird am Morgen des 10. November 1938 massiv verwüstet. Die Mitarbeiterin Helene Kleinheins erinnert sich an die Vorgänge: „Gegen 9.00 Uhr oder 9:30 Uhr etwa wurden plötzlich die Schaufensterscheiben und auch die Scheibe der Eingangstür mit Steinen eingeworfen. Es waren insgesamt 5 große Schaufenster und 2 Schauvitrinen am Eingang. Ich selbst befand mich gerade an der Eingangstür und ich bekam die ganzen Scherben in den Rücken, allerdings ohne verletzt zu werden. Als dann sogar Steine durch die bereits zerstörten Schaufenster flogen und auch noch Spiegel im Ladeninnern zertrümmert wurden und der Krach immer stärker wurde, verließen wir alle das Geschäft nach rückwärts und hielten uns teils im Keller und teils im Treppenhaus auf. Der Krach dauerte den ganzen Vormittag an und es wurde am schlimmsten, als gegen 12.00 Uhr die Schüler aus der Schule kamen. Die Kinder waren entsprechend aufgehetzt worden und die Zerstörungsarbeit begann von neuem bis gegen 13.00 Uhr. Als ich und meine Arbeitskolleginnen wieder den Laden betraten, war nichts mehr ganz. Der gesamte sehr große Vorrat an Schuhen war aus den Regalen herausgerissen und es sah wüst im Ladeninnern aus.“
Der Inhaber des Geschäfts, Heinrich Schauer, wird am selben Morgen verhaftet und in das KZ Dachau verschleppt. Nach seiner Entlassung gelingt es ihm, gemeinsam mit seiner Familie in die USA zu fliehen.

Das Schuhhaus „Edox“ des Inhabers Heinrich Schauer wird, wie auch das Schuhhaus Schauer in der Zerrennerstraße 8, am Morgen des 10. November 1938 verwüstet.
Über die Zerstörung des Schuhhauses Schauer berichtet die Mitarbeiterin Helene Kleinheins: „Gegen 9.00 Uhr oder 9:30 Uhr etwa wurden plötzlich die Schaufensterscheiben und auch die Scheibe der Eingangstür mit Steinen eingeworfen. Es waren insgesamt 5 große Schaufenster und 2 Schauvitrinen am Eingang. Ich selbst befand mich gerade an der Eingangstür und ich bekam die ganzen Scherben in den Rücken, allerdings ohne verletzt zu werden. Als dann sogar Steine durch die bereits zerstörten Schaufenster flogen und auch noch Spiegel im Ladeninnern zertrümmert wurden und der Krach immer stärker wurde, verließen wir alle das Geschäft nach rückwärts und hielten uns teils im Keller und teils im Treppenhaus auf. Der Krach dauerte den ganzen Vormittag an und es wurde am schlimmsten, als gegen 12.00 Uhr die Schüler aus der Schule kamen. Die Kinder waren entsprechend aufgehetzt worden und die Zerstörungsarbeit begann von neuem bis gegen 13.00 Uhr. Als ich und meine Arbeitskolleginnen wieder den Laden betraten, war nichts mehr ganz. Der gesamte sehr große Vorrat an Schuhen war aus den Regalen herausgerissen und es sah wüst im Ladeninnern aus.“
Der Inhaber des Geschäfts, Heinrich Schauer, wird am selben Morgen verhaftet und in das KZ Dachau verschleppt. Nach seiner Entlassung gelingt es ihm, gemeinsam mit seiner Familie in die USA zu fliehen.